Die 79. Internationalen Filmfestspiele in Cannes, die in diesem Jahr am Samstag ihren krönenden Abschluss mit der Verleihung der Goldenen Palme finden, haben eine bemerkenswerte Abwesenheit: kein einziger Film aus Israel hat den Weg ins Festivalprogramm gefunden. Das wirft Fragen auf, zumal die Vielfalt und die kulturelle Tiefe des israelischen Kinos in den letzten Jahren immer wieder hervorgehoben wurden. Trotz dieser Lücke gibt es einige Filme, die das Publikum fesseln werden.
Ein herausragendes Werk ist Pawel Pawlikowskis „Vaterland“. Der Film, der von Thomas Manns erster Deutschlandreise nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt, nimmt die Zuschauer mit auf eine bewegende Reise von Frankfurt am Main nach Weimar. Dabei werden nicht nur komplexe Familienverhältnisse beleuchtet, sondern auch die gespaltene Nachkriegsidentität Deutschlands thematisiert. Ein recht großes Spektrum an Emotionen – von Trauer bis Hoffnung – wird hier auf die Leinwand gebracht.
Einblicke in den Wettbewerb
Ein weiterer bemerkenswerter Beitrag kommt von dem ungarischen Regisseur László Nemes, dessen Film „Moulin“ sich mit der Geschichte von Jean Moulin, einem Widerstandskämpfer aus dem Jahr 1943, befasst. Die Reise, die von einem Historiendrama zu einem Folter-Horror mutiert, zeigt eindrücklich die Schrecken des Krieges und die menschlichen Abgründe, mit denen die Protagonisten konfrontiert werden.
Daniel Auteuils „La troisième nuit“ beleuchtet die Internierung ausländischer Jüdinnen und Juden und zeigt die verzweifelten Versuche eines Regierungsbeamten, jüdische Kinder vor der Deportation zu bewahren. Ein Film, der nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch die Dringlichkeit von Menschlichkeit und Mitgefühl in Krisenzeiten thematisiert.
Und wie könnte man die amerikanischen Beiträge vergessen? James Grays „Paper Tiger“ und Ira Sachs‘ „The Man I Love“ bringen beide eine jüdische Perspektive mit. Während ersterer die Konflikte zweier jüdischer Brüder mit der russischen Mafia in den 80er-Jahren beleuchtet, widmet sich letzterer einem AIDS-erkrankten Performance-Darsteller und seinem Umfeld. Eine spannende Mischung, die die Vielfalt der jüdischen Erfahrungen in der Filmwelt widerspiegelt.
Die Abwesenheit von Stars
Komischerweise blieben auch viele prominente Gesichter aus der Hollywood-Welt, wie Scarlett Johansson und Barbra Streisand, der Veranstaltung fern. Johansson musste wegen Dreharbeiten absagen – ein herber Verlust für die Gala, während Streisand aufgrund einer Knie-Operation nicht anwesend sein konnte. Ein bisschen schade, denn ihre Präsenz hätte dem Event sicherlich einen zusätzlichen Glanz verliehen.
Eine positive Überraschung gab es dennoch: Der Animationsfilm „Tangles“ von Leah Nelson! Er basiert auf einer Graphic Novel und behandelt auf einfühlsame Weise die Beziehung zu einer an Alzheimer erkrankten Mutter. Ein Thema, das so viele Menschen berührt und oft zu wenig Beachtung findet.
Ein Blick in die Zukunft
In Frankfurt am Main, der Stadt, die traditionell eine Verbindung zur jüdischen Kultur hat, wird es im nächsten Jahr die Jüdischen Filmtage geben. Vom 01. bis 15. September 2024 werden sie stattfinden und von der Jüdischen Gemeinde sowie dem Kulturdezernat der Stadt organisiert. Hier können Besucher Filme aller Genres entdecken, die Einblicke in aktuelle jüdische Filmproduktionen bieten. Gespräche mit Regisseuren, Darstellern und Produzenten sind ein fester Bestandteil des Programms, was eine direkte Verbindung zwischen den Film machenden und dem Publikum schafft.
Diese Jüdischen Filmtage sind nicht nur eine Plattform für Spiele- und Dokumentarfilme, sondern auch ein Ort, an dem historische, religiöse und politische Motive sowie die Identitätssuche im Vordergrund stehen. Es ist eine wunderbare Gelegenheit, mehr über die jüdische Kultur und Traditionen zu erfahren und gleichzeitig die Verankerung der jüdischen Gemeinde in Frankfurt zu feiern. Ein echter Lichtblick in der kulturellen Landschaft!
So blicken wir gespannt auf Cannes, auf die kommenden Jüdischen Filmtage und auf all die Geschichten, die noch erzählt werden müssen. Irgendwie bleibt die Hoffnung, dass der Film uns weiterhin überrascht und bewegt – und dass wir die Abwesenheit von Stimmen, die uns wichtig sind, nicht vergessen.