Weihenstephan: Zwischen ländlicher Idylle und dunkler Vergangenheit
In Freising, wo die Luft nach frischem Brot und dem Duft von ländlicher Idylle riecht, liegt der Campus Weihenstephan, ein Ort, der in der Geschichte des Nationalsozialismus eine ambivalente Rolle spielt. Vor gut 90 Jahren war der Nationalsozialismus in vollem Gange, und das hatte nicht nur Auswirkungen auf das tägliche Leben, sondern auch auf die akademischen Institutionen. Weihenstephan war damals ein Teil der Technischen Hochschule München und vor allem bekannt für seine Lehre in Landwirtschaft und Brauwesen. Rückblickend auf diese Zeit, könnte man fast meinen, die Geschichte hätte einen düsteren Schatten über die Wiesen und Felder gelegt.
Im Jahr 1933 wurde das Landwirtschaftsstudium nach München verlegt – die Brauerei-Studenten blieben, während sich die Zahl der eingeschriebenen Studierenden am Campus auf etwa 230 im Jahr 1934 belief. Die Gartenbauschule zählte im Schuljahr 1930/31 immerhin 130 Schüler, allerdings waren fast alle Studierenden männlich. Eine klare Männlichkeit, die sich im politischen Klima der Zeit widerspiegelte. Der Politikwissenschaftler Guido Hoyer hat sich intensiv mit der Geschichte des Campus Weihenstephan während der NS-Zeit beschäftigt und seine Ergebnisse zuletzt am Campus präsentiert. Es ist aufschlussreich, dass Hoyer früh Hinweise auf ein politisches Engagement unter den Studenten entdeckte, besonders am rechten Rand der politischen Skala.
Einblicke in die Vergangenheit
Der Hitler-Putsch von 1923 hinterließ auch in Freising seine Spuren. Damals übernahmen 600 Putschisten die Macht – eine „Kampfgemeinschaft Weihenstephan“ wurde dokumentiert und zeugt von der Verstrickung der Hochschule in die nationalsozialistische Bewegung. Die „Gleichschaltung“ wurde an der Technischen Hochschule maßgeblich von nationalsozialistischen Studenten vorangetrieben. Ein Beispiel ist Hans Erwin Graf von Spreti-Weilbach, der von 1929 bis 1932 Landwirtschaft studierte und 1930 der SA beitrat. Seine Karriere endete tragisch: Im Rahmen des „Röhm-Putsches“ 1934 wurde er ermordet.
Die Professoren an der Hochschule hatten es nicht leicht. Anton Fehr, Hans Raum, Carl Sachs und Kurt Trautwein wurden von den Nationalsozialisten aus dem Dienst entfernt. Hans Raum, ein Professor für Pflanzenzüchtung, wurde 1934 aus politischen Gründen in den Ruhestand versetzt, nachdem Studenten seine Entlassung gefordert hatten. Es ist bemerkenswert, dass Hoyer annimmt, es habe keine kollektiven Widerstandsaktionen oder Flugblätter von Studenten gegeben. Stattdessen wurden die nationalsozialistischen Ideologien und Strukturen eher gefördert als in Frage gestellt.
Die Schatten der Geschichte
Die Technische Universität München gedenkt der verfolgten Professoren mit Gedenktafeln, ein wichtiger Schritt in die Richtung der Erinnerungskultur. Diese Gedenkstätten sind nicht nur Denkmäler der Trauer, sondern auch der Mahnung. Der 23. März 1933, an dem der Reichstag das Ermächtigungsgesetz verabschiedete, stellt den Wendepunkt dar, an dem die demokratische Institution praktisch abgeschafft wurde. Mit diesem Gesetz konnte die NS-Regierung ohne Zustimmung des Reichstags Gesetze erlassen und die Gesellschaft in einen Zustand der Angst und Kontrolle versetzen.
Die nationalsozialistische Ideologie teilte Menschen in „lebenswert“ und „lebensunwert“ ein. Millionen fielen der rassistischen Politik zum Opfer, besonders während des Holocausts, der durch die Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 eine grausame Wendung nahm. Über sechs Millionen europäische Juden wurden bis zum Ende des Krieges 1945 ermordet. Die Erinnerungen an die Reichspogromnacht am 9. November 1938, ein staatlich organisiertes Pogrom gegen Juden, sind bis heute lebendig. Inmitten dieser Gräueltaten gibt es auch Lichtblicke: Projekte wie die „Stolpersteine“, initiiert von Gunter Demnig, erinnern an die Opfer und fordern uns auf, nicht zu vergessen.
Wenn wir heute auf diese bewegte Geschichte zurückblicken, wird klar, dass die Aufarbeitung der NS-Zeit und die Erinnerungskultur sich mit dem absehbaren Ende der Zeitzeugenschaft verändern müssen. Der Campus Weihenstephan ist mehr als nur ein Ort des Lernens – er ist ein Mahnmal, eine Erinnerung an die dunklen Kapitel der Geschichte, die uns alle betreffen. Der Weg zur Aufarbeitung ist lang und oft steinig, aber er ist notwendig, um die Zukunft zu gestalten und aus der Vergangenheit zu lernen.
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