Im Zoo Neuwied sind seit kurzem zwei ganz besondere tierische Mitbewohner eingezogen: die Alaotra-Halbmakis. Diese beiden Brüder, gerade mal anderthalb Jahre alt und aus dem niederländischen ZooParc Overloon importiert, gehören zu einer Art, die als stark vom Aussterben bedroht gilt. Wenn man bedenkt, dass sie nur am Alaotra-See in Madagaskar vorkommen, wird schnell klar, wie einzigartig und schützenswert diese kleinen Primaten sind. Laut der Weltnaturschutzunion IUCN zählt die Art zu den 25 am stärksten gefährdeten Primaten weltweit. Die Zahlen sind alarmierend: 2013 lebten nur noch etwa 2.500 Alaotra-Halbmakis in freier Wildbahn.
Ihr Lebensraum ist durch die Trockenlegung von Sumpfgebieten, Brandrodung und Abholzung bedroht. Zudem werden die Tiere gejagt oder als Haustiere gefangen. Hier in Neuwied gibt es nun eine kleine Hoffnung auf Erhalt, denn der Zoo beteiligt sich aktiv am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP). In Europa sind insgesamt knapp 60 Alaotra-Halbmakis in 16 zoologischen Einrichtungen untergebracht, doch in Deutschland sind sie zurzeit nicht mehr zu finden. Die beiden Neuankömmlinge sind also nicht nur ein Gewinn für den Zoo, sondern auch für die Erhaltungsmaßnahmen dieser bedrohten Art.
Einblicke in das Leben der Alaotra-Halbmakis
Alaotra-Halbmakis, wissenschaftlich als Hapalemur alaotrensis bekannt, sind in ihrer Heimat stark bedroht. Diese tierischen Akrobaten haben eine Körperlänge von etwa 40 cm und ein Gewicht von 1,2 bis 1,3 kg. Sie sind die zweitgrößte Art ihrer Gattung, direkt nach den Goldenen Bambuslemuren. Mit ihrem runden Kopf, kurzen Schnauze und dem dichten, wolligen Fell in verschiedenen Grautönen sind sie nicht nur optisch ansprechend, sondern auch perfekt an ihren Lebensraum angepasst. Ihre Lebensweise ist faszinierend: Sie verbringen viel Zeit in den Schilf- und Papyrusgebieten um den Alaotra-See, wo sie klettern und sogar schwimmen können, um sich fortzubewegen.
In der Natur leben sie in kleinen Familiengruppen von drei bis sechs Tieren und verteidigen ein Territorium von etwa zwei Hektar. Die Geburtensaison erstreckt sich von September bis Februar, wobei die Tragzeit zwischen 135 und 140 Tagen liegt. Meistens bringt das Weibchen ein einzelnes Jungtier zur Welt, welches etwa 63 g wiegt. Die Fortpflanzung und Aufzucht dieser kleinen Primaten ist nicht nur eine biologisch interessante Angelegenheit, sondern auch ein Highlight der Zuchtprogramme in Zoos wie in Neuwied.
Eine bedrohte Gattung
Die Alaotra-Halbmakis haben in der Vergangenheit stark unter der menschlichen Aktivität gelitten. Der internationale Handel mit diesen Tieren ist nach CITES-Anhang I stark eingeschränkt. Zudem sind Wilderung für Fleisch und die Zerstörung ihres Lebensraums durch menschliche Eingriffe die Hauptbedrohungen. Komischerweise werden sie lokal auch als Haustiere gehalten, was ihre Situation nicht gerade verbessert. Von 1977 bis 2017 gab es keine Ausfuhren aus Madagaskar, und nur 25 Nachzuchttiere wurden weltweit registriert.
Im Jahr 2025 wird der Ex-situ-Bestand auf 53 Individuen in 16 Institutionen in 8 Ländern geschätzt, wobei der Schwerpunkt auf Zoos in Großbritannien liegt. In Deutschland sind seit 2015 keine Alaotra-Halbmakis mehr zu sehen. Das EEP, das seit 1997 koordiniert wird, hat sich zum Ziel gesetzt, diese bedrohte Art zu erhalten. Mindestanforderungen an Gehege variieren dabei je nach Land, was die Zucht etwas kompliziert macht.
Alaotra-Halbmakis sind nicht nur ein weiterer Vertreter der Primatengattung der Bambuslemuren (Hapalemur), sondern stehen auch symbolisch für den Kampf um den Erhalt bedrohter Arten. Die Gattung umfasst insgesamt sechs Arten, wobei die meisten stark gefährdet sind. Das Leben dieser kleinen Primaten ist ein faszinierendes Beispiel für die Vielfalt und Zerbrechlichkeit der Natur auf Madagaskar. Während man durch die Gehege des Zoos schlendert, sollte man sich immer wieder vor Augen führen, dass hinter jedem Tier eine Geschichte und ein Kampf um das Überleben steht.