In Neuwied ist die Luft voller Erwartungen und Herausforderungen, insbesondere wenn es um die Integration von Geflüchteten geht. Mit einem entschlossenen Schritt hat die Stadt die Zügel selbst in die Hand genommen. Angesichts der Entscheidung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), im Februar 2023 die finanzielle Unterstützung für Integrationskurse einzustellen und einen Zulassungsstopp zu verhängen, hat Bürgermeister Peter Jung seine Prioritäten klar gesetzt. Der Bund müsse sparen, aber das darf nicht auf Kosten der Integration gehen, denkt sich Jung und greift zum Geldbeutel der Stadt. Satte 25.000 Euro hat er umgeschichtet, um die dringend benötigten Sprachkurse an der Volkshochschule (VHS) zu finanzieren.
Die VHS Neuwied hat bereits 15 hauptberufliche Dozenten für Sprach- und Integrationskurse an Bord. Diese Kurse orientieren sich an den klassischen Integrationskursen mit 600 Unterrichtsstunden, die weit über die oft kritisierten Erstorientierungskurse hinausgehen. Letztere sind zwar kostenfrei, erreichen aber nur die bescheidenen Sprachniveaus A1 oder A2 und reichen nicht aus, um die geforderten Kenntnisse für den Arbeitsmarkt zu erlangen, so Fachbereichsleiterin Meike Pfeiffer. Und das ist nicht alles: Die Stadt möchte, dass die neuen Kurse nach den Sommerferien an den Start gehen. Geplant sind zwei kommunale Integrationskurse und ein Erstorientierungskurs. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Integration als Gemeinschaftsprojekt
Wenn man bedenkt, dass die Zugangsmöglichkeiten zu Integrationskursen durch das Bundesinnenministerium stark eingeschränkt wurden, wird das Engagement der Stadt Neuwied umso bemerkenswerter. Viele Volkshochschulen haben ihren Unmut über diese Entwicklung bereits geäußert, denn die Einschränkungen machen es für geflüchtete Menschen deutlich schwieriger, die Sprache zu erlernen und Fuß zu fassen. „Spracherwerb hat Priorität“, betont Jung, und fordert eine bessere finanzielle Ausstattung für Kommunen, damit sie derartigen Herausforderungen gewachsen sind. Ein Kompromiss, der künftig Kontingente für Integrationskurse freisetzen soll, priorisiert vor allem ukrainische Flüchtlinge und EU-Bürger, doch was ist mit den anderen? Die Stadt Neuwied lässt sich nicht entmutigen und zeigt, was vor Ort möglich ist.
In einem weiteren Schritt hat die Stadt auch zwei Bundestagsabgeordnete eingeladen, um über die aktuelle Situation zu sprechen. Es ist wichtig, dass die Entscheidungsträger die Realität vor Ort kennenlernen und die Notwendigkeit einer besseren Unterstützung erkennen. Ob das gelingt? Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Ein Blick auf die Zukunft
Die Integrationskurse sind nur ein Teil des großen Ganzen, das die Bundesregierung im Blick hat. Beispielsweise findet in Berlin ein Tag der offenen Tür statt, bei dem das BAMF mit einem eigenen Stand vertreten ist. Dort können Bürgerinnen und Bürger Einblicke in die Arbeit der Bundesregierung erhalten und sich über das Serviceangebot informieren. Die „Hotline Arbeiten und Leben in Deutschland“ könnte für viele Neuwieder eine wertvolle Informationsquelle sein. Das BAMF lädt alle Interessierten ein, sich am Stand persönlich über verschiedene Themen der Integration auszutauschen. Es bleibt abzuwarten, wie die Veränderungen und Maßnahmen auf Bundesebene die lokale Situation in Neuwied beeinflussen werden.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die selbstorganisierten Sprachkurse der VHS Neuwied den erhofften Erfolg bringen und ob die Stadt ihren Kurs weiterhin so erfolgreich steuern kann. Man darf gespannt sein, wie sich die Integrationslandschaft entwickeln wird und ob die hohe Motivation der Stadtverwaltung und der Dozenten den geflüchteten Menschen wirklich helfen kann, ein neues Zuhause in Neuwied zu finden.