Wenn Steine sprechen könnten: Ein archäologischer Schatz offenbart die jüdische Geschichte Mainzs
Heute ist der 22.06.2026 und in Mainz wird Geschichte lebendig! Bei den Bauarbeiten an der Rheinstraße, die sich zwischen einem griechischen und einem mexikanischen Restaurant erstrecken, haben Archäologen beim Abriss eines Gebäudes einen beeindruckenden Fund gemacht. Gleich mehrere Grabsteine wurden entdeckt, und das in bis zu sechs Lagen. Man könnte fast sagen, die Vergangenheit hat sich hier in Stein gemeißelt!
Der Fundort liegt nur etwa 200 Meter vom Rhein entfernt, und die Grabsteine gehören zu den unteren Lagen des Festungswerks „Hohe Lauer“, das zur Stadtmauer am Rheinufer gehörte. Diese beeindruckende Bauanlage aus dem 15. Jahrhundert wurde um 1565 verstärkt. Es ist schon faszinierend, dass die Bauarbeiten damals mindestens 18 Sandsteinquader als Füllmaterial verwendeten. Aber das, was wirklich ins Auge sticht, sind die Inschriften auf den Grabsteinen, die in Hebräisch verfasst sind. Seit ihrer Entdeckung Ende 2020 konnten die Inschriften entziffert werden und geben uns wertvolle Einblicke in die Geschichte des Judentums in Mainz, das für seine aschkenasische Tradition bekannt ist.
Einblick in die tragische Geschichte
Einer der Grabsteine gehört zu Mosche ben Kalonymos und seinen Angehörigen, die im Jahr 1192 „erschlagen“ wurden – ein trauriges Zeugnis antijüdischer Gewalt. Die anderen Grabsteine stammen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und aus der Zeit zwischen 1391 und 1422. Besonders spannend ist die Tatsache, dass die jüdische Gemeinde in Mainz nach 1356 eine prekäre Rückkehr erlebte, die erst nach drei Jahrzehnten stabil wurde. Diese Rückkehr war jedoch von Unsicherheiten geprägt, und bereits 1438 kam es zur nächsten Judenvertreibung durch den Stadtrat von Mainz. Es scheint, als wäre die Geschichte hier von ständigen Höhen und Tiefen geprägt gewesen.
Bemerkenswert ist auch, dass die Grabsteine, die nun als historische Artefakte behandelt werden, einst als Baumaterial verwendet wurden. Das lässt tief blicken – es zeigt ein gewisses Desinteresse an jüdischen Traditionen, das wir heute nur schwer nachvollziehen können. Glücklicherweise werden die Grabsteine im neuen Archäologischen Fundmagazin in Mainz aufbewahrt, wo sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Dies ist nicht der erste dieser Art von Fund – bereits 1859 wurden ähnliche Grabsteine in Mainz entdeckt. Rabbiner Sali Levi setzte 1926 entweihte Grabsteine auf einem speziellen Bereich des Gemeindefriedhofs auf, und der daraus entstandene Denkmalfriedhof gilt bis heute als einzigartig. Seine Einweihung war ein bedeutender Schritt in der Erinnerungskultur.
Ein neues Kapitel für die SchUM-Stätten
Die jüngsten Grabsteine werden jedoch nicht auf dem Denkmalfriedhof aufgestellt, um dessen ursprünglichen Charakter zu wahren. Dies ist eine bewusste Entscheidung, die die Bedeutung des Ortes unterstreicht. Aber es gibt auch einen Lichtblick: Ein neues Besucherzentrum für die SchUM-Stätten wird bis zum 100. Jahrestag der Einweihung des Denkmalfriedhofs im Herbst 2026 entstehen. SchUM, das steht für die drei zentralen Orte des europäischen Judentums: Speyer, Worms und Mainz. Diese Region war über Jahrhunderte hinweg ein bedeutendes Zentrum jüdischer Kultur und Religion in Europa.
Die Entdeckung an der Rheinstraße ist also nicht nur ein archäologischer Fund, sondern ein Fenster in die Vergangenheit, das uns die Tragödien und Triumphe einer Gemeinschaft vor Augen führt, die tief in der Geschichte dieser Stadt verwurzelt ist. Mainz hat viele Geschichten zu erzählen, und diese Grabsteine sind ein eindrucksvoller Teil davon.
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