Heute ist der 25.04.2026, und das Schauspiel Köln hat mit der Inszenierung von Sebastian Baumgarten eine eindringliche Bühnenadaption des Romans „Vergeltung“ von Gert Ledig auf die Bühne gebracht. Diese Inszenierung, die als „Ein Live-Hörspiel mit sechs Bildern“ konzipiert ist, bietet dem Publikum eine verstörende und gleichzeitig faszinierende Auseinandersetzung mit den Schrecken des Zweiten Weltkriegs.
In den ersten Minuten wird das Bühnenbild sichtbar: eine stilisierte Version eines U-Bahn-Bahnsteigs, der in der Dunkelheit gehüllt ist. Lediglich vier rote Lampen durchbrechen die Finsternis und vermitteln ein Gefühl von Bedrohung. Der Roman beschreibt einen 70-minütigen Luftangriff auf eine deutsche Großstadt, und die klare, protokollarische Sprache Ledigs verstärkt die Wirkung der Bilder, die im Kopf des Publikums entstehen. Die Inszenierung thematisiert die alltäglichen Verhaltensmuster der Menschen in Ausnahmesituationen, besonders in den Szenen, die im Luftschutzkeller spielen, wo Gewalt und Tod omnipräsent sind.
Eine Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart
Baumgartens Inszenierung verbindet live-Videobilder und Projektionen, die die Zerstörung Kölns im Zweiten Weltkrieg mit der Gegenwart verknüpfen. Sechs bizarre Tableaux vivants zeigen alltägliche Situationen, die von einer latenten Bedrohung durchzogen sind. Das letzte Tableau, ein Aufmarsch von Zombies und Kriegsmonstern, hinterlässt einen bleibenden Eindruck und fordert die Zuschauer heraus, über die ständige Präsenz von Gewalt im Menschen nachzudenken. In Anlehnung an Fritz Bauer wird deutlich: „Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“
Die Premiere fand am 24. April 2026 statt und die Aufführung dauert 1 Stunde und 50 Minuten, ohne Pause. Mitwirkende wie Nikolaus Benda, Rebekka Biener und Jonas Dumke bringen die komplexen Themen des Romans auf die Bühne, untermalt von live Musik des Komponisten Fiete Wachholtz. Die Dramaturgie liegt in den Händen von Henning Nass, der die Inszenierung strukturiert und leitet.
Der Weg des Romans „Vergeltung“
Um die Bedeutung von „Vergeltung“ zu verstehen, ist es wichtig, die Geschichte des Romans zu betrachten. Ursprünglich wurde das Manuskript vom Claassen-Verlag abgelehnt, da es Grauen häuft und keinen menschlichen Rest lässt. Letztlich fand es beim S. Fischer Verlag Gehör. In der bundesrepublikanischen Literaturkritik der 1950er Jahre erhielt Ledigs Werk überwiegend negative Bewertungen, während einige DDR-Zeitschriften und weniger bedeutende westdeutsche Publikationen positive Beurteilungen abgaben.
Die dominante westdeutsche Presse war oft kritisch: Peter Hornung von „Die Zeit“ bemängelte den Sprachstil als vereinfacht und verödet, während Wolfgang Schwerbrock von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die Pathetik und Deklamation kritisierte. E. R. Dallontano bezeichnete die Darstellung einer Vergewaltigung als widerwärtig. Trotz dieser heftigen Kritik war Ledigs ästhetisches Konzept auf eine schonungslose Darstellung der Brutalität des Krieges ausgelegt, was in Zeiten, in denen Debatten über Wiederbewaffnung und NATO-Beitritt stattfanden, eine besonders schwierige Rezeption nach sich zog.
Ein neuer Blick auf „Vergeltung“
Die Wiederveröffentlichung von „Vergeltung“ im Jahr 1999 führte zu einer grundsätzlichen Wende in der Literaturkritik. Kritiker wie Reinhart Baumgart lobten die „knapp gehämmerten Sätze“ und die „Atemlosigkeit der Sprache“, während Stephan Reinhardt von „Der Tagesspiegel“ einen „erstaunlich dichten Realismus“ attestierte. Marcel Reich-Ranicki stellte 2003 fest, dass damals kein Interesse am Krieg als Thema bestand, was zu Ledigs anfänglichem Misserfolg beitrug. Die Aufführung am Schauspiel Köln ist daher nicht nur eine Hommage an den Roman, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Diskussion über Krieg und Gewalt in der Gesellschaft.