Im Jahr 2012 begibt sich die alleinerziehende Mutter Bea (Name geändert) auf eine Suche, die für sie und ihre vier Kinder zu einem Albtraum werden sollte. Frisch von ihrem Mann geschieden, durchstöbert sie Kontaktanzeigen in der Hoffnung, einen neuen Partner zu finden. Ein vielversprechendes Angebot zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich: Wilfried W., ein als „Geflügelbauer“ auftretender Mann, der ebenfalls auf der Suche nach einer festen Beziehung ist. Doch was als romantisches Abenteuer beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Horrortrip.
Der erste Kontakt erfolgt über Angelika W., die sich als Wilfrieds Schwester ausgibt. Bea wird zu einem einwöchigen Besuch auf dem „Bauernhof“ eingeladen, wobei die Bedingung besteht, ein eigenes Zimmer zu haben. Bei ihrer Ankunft in Höxter wird sie jedoch von dem heruntergekommenen und muffigen Zustand des Hauses überrascht. Statt eines Gästezimmers muss sie auf der Couch schlafen, wo sie in der ersten Nacht von Wilfried bedrängt wird. Trotz ihrer Abwehrversuche lässt sie sich schließlich auf ihn ein. Was darauf folgt, ist eine schreckliche Zeit, in der Bea nicht nur körperliche, sondern auch psychische Gewalt erfahren muss.
Ein verzweifelter Fluchtversuch
Wilfried und Angelika machen sich über Bea lustig und beleidigen sie in einem Ausmaß, das sie schnell erkennen lässt, dass sie aus diesem Albtraum fliehen muss. Angesichts der finanziellen Probleme des Paares verspricht Bea, finanziell zu helfen, was sie in eine noch gefährlichere Lage bringt. Sie wird schließlich nach Hause gebracht und kann kaum glauben, dass sie dem Horror entkommen ist. Tragisch bleibt, dass zwei andere Frauen, die ebenfalls über Kontaktanzeigen nach Höxter gelockt wurden, nicht so viel Glück hatten und nach Misshandlungen in diesem Haus starben.
Die grausame Wahrheit wird erst im April 2016 bekannt, als das Paar gezwungen ist, für ein Opfer einen Krankenwagen zu rufen. Wilfried W. und Angelika W. werden wegen Mordes durch Unterlassen verurteilt und erhalten Haftstrafen von 13 und 11 Jahren. Besonders alarmierend ist die Tatsache, dass Angelika über 3.000 Kontaktanzeigen für Wilfried aufgegeben hat, in der Hoffnung, weitere Frauen zu ködern.
Die dunkle Seite von Beziehungen
Diese dramatischen Ereignisse werfen ein grelles Licht auf ein weit verbreitetes Problem: Gewalt in Paarbeziehungen. In Deutschland haben 2018 die Unterzeichnung der Istanbul-Konvention und die damit verbundene Definition von Gewalt gegen Frauen eine wichtige Diskussion angestoßen. Diese Konvention umfasst nicht nur körperliche und sexuelle Gewalt, sondern auch psychische und wirtschaftliche Gewalt, die oft schwerer nachzuweisen ist.
Statistiken zeigen, dass etwa 25-33% der Frauen in Deutschland mindestens einmal im Leben körperliche, sexualisierte oder psychische Gewalt durch (Ex-)Partner erleben. Ökonomische Gewalt, die beispielsweise die Kontrolle über finanzielle Ressourcen beinhaltet, führt oft zur Abhängigkeit der betroffenen Frauen vom (Ex-)Partner. Die Folgen dieser Gewalt sind gravierend: Sie beeinträchtigen die physische und psychische Gesundheit und machen es den Frauen schwer, den gewalttätigen Partner zu verlassen.
Die erschreckenden Geschichten wie die von Bea verdeutlichen die Notwendigkeit, gesellschaftliche Vorstellungen über Geschlechterrollen zu hinterfragen und präventive Maßnahmen zu ergreifen. Um wirtschaftlicher Gewalt entgegenzuwirken, sind Sensibilisierung und Fortbildung für Beratende unerlässlich. Diese gesellschaftliche Aufgabe erfordert sowohl Verhaltens- als auch Verhältnisprävention, um langfristig die Lebensbedingungen und sozialen Verhältnisse zu verbessern.
Es ist an der Zeit, das Thema Gewalt in Beziehungen offener zu diskutieren und Veränderungen zu bewirken, damit Frauen wie Bea nicht nur überleben, sondern in Sicherheit leben können.