In der Stadt Essen gibt es Veränderungen, die das Herz der lokalen Gemeinschaft berühren – die Essener Tafel steht vor einem Generationswechsel. Jörg Sartor, der über zwei Jahrzehnte als unermüdlicher Motor der Tafel wirkte, gibt mit 70 Jahren das Zepter an Bernd Jungk weiter. Sartor, ein ehemaliger Bergmann, hat die Tafel seit ihrer Gründung im Jahr 1995 maßgeblich geprägt und zu einem wichtigen Anlaufpunkt für rund 5.000 Bedürftige gemacht. Der Rücktritt kam nicht ganz unerwartet, dennoch zeigte sich, dass einige Tafelkunden schockiert auf die Nachricht reagierten. Immerhin war Sartor nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Stimme für die Anliegen der Menschen, die auf die Unterstützung angewiesen sind.
Bernd Jungk, der neue Vorsitzende, wurde am 26. Mai gewählt und bringt eine interessante Biografie mit. Zuvor war er Kapitän bei der Lufthansa und hat sich nach seiner vorzeitigen Rente voll und ganz der Tafel verschrieben. Seit vier Jahren arbeitet er eng mit Sartor zusammen, und hat sich bereits als Beifahrer bewährt. Auch wenn der Umgangston in der Tafel als rau beschrieben wird, hat sich Jungk gut eingelebt. „Ich möchte kein ‚Bollerkopp‘ sein“, sagt er über den selbsternannten Titel seines Vorgängers, und zeigt damit, dass er eine andere Art der Führung im Sinn hat.
Die Essener Tafel im Wandel
Die Tafel hat sich seit ihrer Gründung stetig weiterentwickelt. Über 120 Ehrenamtliche setzen sich ein, um überschüssige Lebensmittel zu retten und an bedürftige Menschen zu verteilen. Wöchentlich werden etwa 16.000 Menschen versorgt, während rund 1.000 auf der Warteliste stehen. Doch die Tafel bietet nicht nur Lebensmittel, sondern beliefert auch Kitas und Grundschulen mit Nahrungsmitteln. Das Engagement der Ehrenamtlichen ist enorm und zeigt, wie wichtig solche Initiativen für den sozialen Zusammenhalt sind.
Einprägsam bleibt der Eklat von 2018, als Sartor entschied, vorübergehend keine neuen ausländischen Kunden mehr aufzunehmen. Diese Entscheidung führte zu einer bundesweiten Debatte über Integration und soziale Gerechtigkeit und machte sogar international Schlagzeilen, unter anderem in der New York Times. Sartor selbst betonte, dass es ihm nicht um Ausländerfeindlichkeit ging, sondern um die Gerechtigkeit gegenüber den älteren Kunden. Dennoch hinterließ diese Kontroverse Spuren, und einige Mitarbeiter verließen die Tafel in der Folge.
Visionen für die Zukunft
Bernd Jungk hat große Pläne. Er möchte die Digitalisierung der Tafel vorantreiben und hat sogar Visionen für eine Kindertafel. Die logistischen Herausforderungen sind dabei nicht zu unterschätzen, aber der neue Chef ist optimistisch. „Bei der Essener Tafel wird sich nicht viel ändern, außer dem Ton“, gibt er zu Protokoll. Es bleibt abzuwarten, wie sich sein Leitungsstil auf die Organisation auswirken wird.
Ein weiterer Aspekt, der nicht unerwähnt bleiben sollte: Die Tafel Deutschland, der Dachverband von über 980 Tafeln, unterstützt die lokale Arbeit. Sie sorgt dafür, dass die Interessen der Tafeln gegenüber Politik und Gesellschaft vertreten werden und bietet zahlreiche Bildungs- und Austauschangebote. Diese Vernetzung ist entscheidend, denn die Tafeln leisten nicht nur einen wertvollen Beitrag zur Lebensmittelverteilung, sondern tragen auch zur Förderung sozialer Teilhabe und zum Klimaschutz bei.
So wird die Essener Tafel weiterhin eine wichtige Rolle in der Stadt spielen – eine Institution, die Menschen verbindet, Hilfe bietet und Hoffnung in schwierigen Zeiten vermittelt. Während Jörg Sartor einige Stunden pro Woche ehrenamtlich unterstützen möchte, bevor er in den Urlaub geht, bleibt zu hoffen, dass der Übergang reibungslos verläuft und die Tafel auch in Zukunft ein sicherer Hafen für viele bleibt.