Die Achtsamkeit der Tempelküche: Jeongkwan Snims Reise durch die Welt der veganen Kulinarik
In Wien, wo der Duft von frisch gebackenem Brot in der Luft hängt und die Kaffeehäuser zum Verweilen einladen, kam vergangene Woche eine ganz besondere Persönlichkeit zu Besuch: Jeongkwan Snim, eine 69-jährige Nonne aus Südkorea, die mit ihrer Kunst im veganen Kochen nicht nur die Herzen ihrer Gäste erobert, sondern auch ein starkes Bewusstsein für Biodiversität und Naturschutz schafft. Ihr Dinner-Event, organisiert von Martin Kullik vom Creative Studio Steinbeisser, war nicht nur ein kulinarisches Erlebnis, sondern auch eine Einladung zur Reflexion über die Bedeutung von Essen in der buddhistischen Philosophie und der Natur.
Jeongkwan Snim, die in einem abgelegenen Tempel 300 Kilometer südlich von Seoul lebt und seit über 40 Jahren kocht, ist keine gewöhnliche Köchin. Ihre Küche, die auf der Tempelküche Koreas basiert, verwendet hauptsächlich selbst angebautes Gemüse. Und das Kochen für eine kleine Gruppe von Nonnen und Mönchen hat sie nicht davon abgehalten, international bekannt zu werden – dank der Netflix-Dokumentation „Chef’s Table“ aus dem Jahr 2017, die sie als eine der faszinierendsten Köchinnen der Welt porträtierte. Ein Besuch eines New Yorker Drei-Sterne-Kochs verstärkte ihren Ruhm noch weiter.
Die Kunst des Kochens im Einklang mit der Natur
Vor dem Dinner hatte Jeongkwan die Gelegenheit, biologisch und biodynamisch arbeitende Produzenten in der Region Wien zu besuchen. In einem Round-Table-Gespräch mit Kulinarik-Journalisten teilte sie ihre Gedanken über die essentielle Verbindung zwischen Natur und Kochen und betonte, dass jeder Bissen mit Achtsamkeit genossen werden sollte. In der buddhistischen Tradition hat Essen eine tiefere Bedeutung: Es ist nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern auch Teil der Meditation, eine Verbindung von Geist und Körper. Diese Philosophie spiegelt sich in ihrem Kochstil wider, der stark auf der Fermentation von Gemüse basiert, einem zentralen Element der Tempelküche.
Eine ihrer berühmtesten Kreationen ist eine 28 Jahre alte Sojasauce, die ein einzigartiges Aroma hat und für ihre Gerichte verwendet wird. Jeongkwan verwendet keine Zwiebeln oder Knoblauch, da diese die Meditation stören würden – eine interessante, aber auch herausfordernde Entscheidung für viele Köche. Ihre selbst hergestellten Gewürze, die oft jahrelang reifen, geben ihren Gerichten einen ganz besonderen Charakter. Wenn man bedenkt, wie viel Liebe und Geduld in jedes Gericht fließt, wird klar, warum Essen für sie eine spirituelle Erfahrung ist.
Kulinarische Inspiration und Rezeptideen
Um die Philosophie des achtsamen Kochens und Essens direkt zu erleben, stellte sie ein einfaches Rezept für schnelles Kimchi mit Eichblattsalat vor. Die Zutaten sind überschaubar und doch voller Geschmack: 1 Kopf Eichblattsalat, Salz, ½ kleine Rote Rübe, 2 Tomaten, 3 lange rote Chilischoten und 2 EL Klebreisbrei. Die Zubereitung ist unkompliziert: Die Salatblätter werden in Salzwasser eingelegt, die Rote Rübe und die Tomaten vorbereitet und alles gut vermischt. Ein Gericht, das nicht nur den Gaumen erfreut, sondern auch das Herz.
Ein besonderes Highlight ist ihr neues Kochbuch, das im November 2023 erscheinen soll. Unter dem Titel „Jeongkwan Snim“, herausgegeben vom Echtzeit Verlag in der Schweiz, wird es nicht nur Rezepte enthalten, sondern auch Einblicke in das Klosterleben. Ihre Entscheidung, ihr Wissen weiterzugeben, ist bemerkenswert, da sie ursprünglich kein Kochbuch herausgeben wollte. Aber vielleicht ist es genau dieser Wunsch, ihre Philosophie und ihr Handwerk mit der Welt zu teilen, der sie dazu bewegt hat.
Die ethische Dimension des Essens im Buddhismus
Im Buddhismus spielt die Ernährung eine zentrale Rolle, und die ethischen Grundsätze wie Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) und Mitgefühl mit allen Lebewesen prägen die kulinarischen Traditionen. Während einige buddhistische Strömungen einen strikten Vegetarismus befürworten, ist die Praxis des Fleischkonsums in anderen Traditionen pragmatischer. Der historische Umgang mit Fleisch im frühen Buddhismus war nicht dogmatisch und ließ Raum für individuelle Entscheidungen, was auch heute noch in vielen Klöstern praktiziert wird.
Die Mahāyāna-Tradition legt einen höheren Stellenwert auf Vegetarismus und sieht ihn als Ausdruck des Mitgefühls für alle Lebewesen. Jeongkwan Snim verkörpert mit ihrer Kunst im veganen Kochen diese tief verwurzelte Ethik und zeigt, wie Essen über die bloße Nahrungsaufnahme hinausgeht. Ihre Philosophie und ihre Kreationen laden ein, den eigenen Umgang mit Lebensmitteln und deren Herkunft zu hinterfragen.
In einer Welt, in der Fast Food und Schnelllebigkeit oft dominieren, ist es erfrischend zu sehen, wie Jeongkwan Snim mit ihrer Tempelküche, die die Natur in den Mittelpunkt stellt, einen Kontrapunkt setzt. Man könnte fast sagen, sie bringt uns zurück zu den Wurzeln – nicht nur der Zutaten, sondern auch des Bewusstseins für das, was wir essen und wie wir es zubereiten.
