Es ist der 9. Juni 2026, und heute hat Bochum einen weiteren Schritt in Richtung Erinnerungskultur gemacht. Vor dem Historischen Rathaus wurde eine Stolperschwelle verlegt, die einen düsteren Teil der Geschichte aufgreift. Diese neue Gedenkstätte dient als Mahnmal für die Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten. Ein Thema, das oft im Schatten der großen Geschichte steht, aber nicht vergessen werden darf.
Oberbürgermeister Jörg Lukat war sichtlich betroffen bei der Vorstellung der Stolperschwelle. Er hob hervor, wie wichtig es ist, die Schuld des städtischen Gesundheitsamts und der Verwaltung während dieser dunklen Zeit zu thematisieren. Die Inschrift auf der Stolperschwelle, die uns die Augen öffnet, lautet:
„GESUNDHEITSAMT BOCHUM 1933 – 1945 / HUNDERTE MENSCHEN WERDEN ALS ´LEBENSUNWERT` STIGMATISIERT – AUF ANORDNUNG VON GESUNDHEITSAMT UND VERWALTUNG EINGEWIESEN IN HEIL- UND PFLEGEANSTALTEN UND IN ARBEITSHÄUSER – ZWANGSVERLEGT UND ERMORDET IN TÖTUNGSANSTALTEN“. Diese Worte hallen nach und bringen uns dazu, über die Vergangenheit nachzudenken.
Ein Zeichen des Gedenkens
Die Initiative zur Stolperschwelle stammt von den „Omas gegen Rechts“, einer engagierten Gruppe, die sich für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte einsetzt. Dabei erhielt die Initiative Unterstützung vom Stadtarchiv Bochum, das bei der Recherche zur Geschichte des Euthanasieprogramms half. Es ist bemerkenswert, wie das Stadtarchiv und solche Gruppen zusammenarbeiten, um das Gedächtnis lebendig zu halten.
Am selben Tag wurden zudem acht neue Stolpersteine in Bochum verlegt. Damit gibt es jetzt insgesamt 400 Stolpersteine in der Stadt, die Teil eines bundesweiten Projekts des Kölner Künstlers Gunter Demnig sind. Diese kleinen Gedenksteine, die oft übersehen werden, sind mehr als nur Steine – sie sind ein Zeichen der Erinnerung und ein Aufruf zur Auseinandersetzung mit der Geschichte. Online kann man im Stadtarchiv und im Geoportal auf bochum.de eine Übersicht über alle Stolpersteine in Bochum finden.
Stolpersteine in Deutschland und Europa
Stolpersteine, die in über 1.800 Kommunen in Deutschland und 29 weiteren europäischen Ländern verlegt wurden, sind mittlerweile das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Über 100.000 Gedenksteine sind in Europa platziert worden, und sie erinnern an die vielen, die während des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Auch in Hamburg, wo bereits 7.000 Steine verlegt wurden, ist die Bedeutung dieser kleinen Gedenkorte nicht zu unterschätzen.
Eine Putz-Aktion findet traditionell am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, statt. Diese Aktionen sind wichtig, um die Erinnerungen an die Opfer lebendig zu halten. Gunter Demnig, der Initiator des Projekts, möchte mit den Stolpersteinen den Opfern ihre Namen und Erinnerungen zurückgeben. Auch wenn es Kritiker gibt, die die Stolpersteine als Missachtung der Opfer betrachten, bleibt der Gedanke, die Erinnerung nicht verblassen zu lassen, zentral. Denn letztlich sind es die Geschichten und Schicksale der Menschen, die in diesen Steinen lebendig werden.
Jeder Stolperstein erzählt eine Geschichte – sei es die von Esther Glanz in Kiel, die 1942 deportiert und ermordet wurde, oder von vielen anderen, deren Namen nun auf den Gehwegen zu finden sind. Die Stolpersteine gedenken nicht nur der Juden, sondern auch politisch Verfolgten, Roma, Sinti, Homosexuellen und Zeugen Jehovas. Diese Vielfalt der Erinnerungen zeigt die Breite des Unrechts auf, das in einer dunklen Zeit der Geschichte geschehen ist.
Es ist also nicht nur ein Stein, der heute in Bochum verlegt wurde, sondern ein starkes Symbol der Mahnung für die Zukunft. Die Stolperschwelle und die Stolpersteine laden uns alle ein, innezuhalten und die eigene Verantwortung im Umgang mit der Geschichte zu reflektieren.