Syrien am Abgrund: Der schleichende Exodus der Christen und das Verschwinden religiöser Vielfalt
Heute ist der 20.06.2026, und während wir hier in Frankfurt am Main die warmen Sonnenstrahlen genießen, zieht ein Schatten über dem fernen Syrien auf. Amill Gorgis, Diakon der syrisch-orthodoxen Kirche in Berlin, warnt eindringlich vor einer wachsenden Bedrängnis religiöser Minderheiten in seinem Heimatland. Es ist eine alarmierende Situation, die nicht nur die Christen betrifft, sondern das gesamte gesellschaftliche Mosaik Syriens gefährdet. In einer Zeit, in der wir uns nach Frieden und Toleranz sehnen, könnten wir Zeugen werden, wie Syrien zu einem christenfreien Raum wird.
Die neuen Machthaber, unter der Führung von Interimspräsident Ahmed al-Scharaa, scheinen eine klare Agenda zu verfolgen: eine Islamisierung des einst multireligiösen und multikulturellen Landes. Gorgis spricht von einem besorgniserregenden Trend, der sich sowohl in der Bildung als auch in der Justiz zeigt. Die syrische Regierung hat die Trennung zwischen Frauen und Männern in Schulen, Hochschulen und im öffentlichen Verkehr angeordnet. Darüber hinaus wurden die Vorsitzenden Richter in den Gerichten durch islamische Geistliche ersetzt. Der Dialog zwischen den religiösen Gruppen stockt, da Treffen zwischen islamischen Geistlichen und Bischöfen eingestellt wurden.
Ein Klima der Angst
Es ist ein Klima der Angst, das sich ausbreitet. In den Moscheen werden Andersdenkende und Andersgläubige verunglimpft, und im islamischen Religionsunterricht wird gelehrt, dass Christen und Juden „von Gott geschlagen“ seien. Videos, in denen Nicht-Sunniten als unreine „Schweine“ bezeichnet werden, kursieren im Netz und schüren Hass. Gorgis warnt eindringlich, dass der Schritt vom Verächtlichmachen zur Gewalt klein sei. Während Christen bisher nur vereinzelt körperliche Angriffe erlitten haben, sind die Alawiten und Drusen massiven Massakern ausgesetzt. Diese brutalen Übergriffe haben international Entsetzen ausgelöst, und die Zahl der Toten, allein unter den Alawiten, beläuft sich auf über 1400.
Jacques Mourad, der syrisch-katholische Erzbischof von Homs, beschreibt den Sturz von Baschar al-Assad als eine Art Befreiung für das syrische Volk. Doch diese anfängliche Freude hat sich schnell in Angst gewandelt, besonders unter den religiösen Minderheiten. Mourad selbst wurde 2015 von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ entführt und gefoltert. Er konnte nur dank muslimischer Freunde entkommen. Durch seine Erfahrungen hat er die düstere Realität der Verfolgung von Christen hautnah erlebt und darüber in seinem Buch „Ein Mönch als Geisel“ berichtet. Das Kloster Mar Elian, wo er Pfarrer war, wurde vom IS zerstört, doch unter Mourads Leitung wurde es wiederaufgebaut.
Der Exodus der Christen
Die Christen in Syrien machen eine dramatische Wandlung durch. Ihre Zahl ist von schätzungsweise 1,5 Millionen vor dem Bürgerkrieg auf etwa 300.000 gesunken. Ein dramatischer Rückgang, der die Vielfalt des Landes gefährdet. Gorgis betont, dass viele Eltern sich ernsthaft fragen, ob ihre Kinder in Syrien eine Zukunft haben. Über 80% der Christen haben das Land verlassen. Die Gründe sind vielfältig: Krieg, Zerfall staatlicher Strukturen und eine fehlende gesellschaftliche Teilhabe, die dazu führt, dass sich Christen oft wie Bürger zweiter Klasse fühlen.
Die Situation ist nicht nur ein syrisches Problem. Auch im Nahen Osten insgesamt sinkt der Anteil der Christen kontinuierlich. Vor 50 Jahren lag dieser noch bei über 10%, heute beträgt er in vielen Ländern gerade einmal 2%. Der Libanon, Irak und die palästinensischen Gebiete zeigen ähnliche Entwicklungen. Während wir hier in Deutschland über das Thema diskutieren, stehen die Menschen in diesen Regionen vor der Realität ihrer zerbrechlichen Existenz.
Die Kirchen in Syrien, die oft Schulen und Krankenhäuser betreiben, könnten bald vor dem Aus stehen, da die finanzierende Mittelschicht verarmt ist. Gorgis ruft daher eindringlich nach Unterstützung aus Europa. Denn das, was in Syrien geschieht, ist mehr als nur ein politisches Problem; es ist ein menschliches Drama, das es zu verstehen und zu bekämpfen gilt.
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