Am Dienstag wird Winfried Hermann in der Stuttgarter Staatsgalerie gefeiert, ein Ereignis, das nicht nur seinen persönlichen Abschied markiert, sondern auch die bedeutenden Veränderungen in der Verkehrspolitik Baden-Württembergs in den letzten 15 Jahren würdigt. Mit seinen 73 Jahren geht Hermann Anfang Mai in den Ruhestand, nachdem er das Verkehrsministerium des Bundeslandes seit 2011 geleitet hat.

Seine Amtszeit begann mit einem Paukenschlag: dem Eklat um das Projekt Stuttgart 21, bei dem Hermann vor seinem Amtsantritt erklärte, er wolle die Verantwortung für das Projekt abgeben. Doch nach einer Volksabstimmung war er gezwungen, sich intensiv um die Realisierung des umstrittenen Vorhabens zu kümmern. Trotz zahlreicher Herausforderungen gelang es ihm, Defizite, etwa am ICE-Flughafenbahnhof und in der Schieneninfrastruktur, auszugleichen.

Verkehrswende und Herausforderungen

Hermann stand während seiner Amtszeit nicht nur im Kreuzfeuer der Kritik von Seiten der CDU und FDP, sondern arbeitete auch unermüdlich an der Verkehrswende in Baden-Württemberg. Er baute ein eigenständiges Verkehrsministerium auf und stellte die Verwaltung mit Fachleuten neu auf. Sein Fokus lag klar auf dem Ausbau des Schienenverkehrs und des Radwegnetzes, was sich in der gestiegenen Nachfrage nach öffentlichem Schienennahverkehr widerspiegelt: Zwischen 2010 und 2024 stieg diese um 43 % (von 4,3 auf 6,2 Milliarden Personenkilometer).

Allerdings wird die angestrebte Verdopplung der Nachfrage bis 2030 voraussichtlich nicht erreicht. Dennoch sicherte Hermann wichtige Finanzierungen für die Elektrifizierung bedeutender Bahnstrecken, darunter die Bodenseegürtelbahn und die Strecken Ulm-Aalen. Zudem ließ er 42 stillgelegte Bahnstrecken auf ihr Potenzial prüfen, von denen für 21 Machbarkeitsstudien angefertigt wurden. Aktuell arbeiten Bauingenieure an der Wiederinbetriebnahme von elf dieser Strecken, was zeigt, dass Hermann hinter den Kulissen weiter an der Verkehrsinfrastruktur des Landes feilte.

Innovationen im öffentlichen Verkehr

Ein Highlight seiner Amtszeit war die Fertigstellung der Hermann-Hesse-Bahn, einer S-Bahnverlängerung von Weil der Stadt bis Calw, die aufgrund der hohen Kosten und bürokratischer Hürden deutschlandweite Aufmerksamkeit erregte. Derzeit wird an zwei weiteren Reaktivierungsstrecken gearbeitet. Hermanns Ansatz war dabei ganzheitlich: Er wollte die unterschiedlichen Verkehrsträger – Bahn, Bus, Fußgänger- und Radverkehr – optimal miteinander verknüpfen.

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Im Bereich des Individualverkehrs priorisierte er die Straßensanierung und initiierte bedeutende Neubauprojekte, wie den sechsspurigen Albaufstieg im Filstal (A 8) und den Ausbau der B 33 zwischen Allensbach und Konstanz. Seine Vision umfasste auch den Aufbau eines Regionalbusnetzes mit 50 Linien für Tangentialverbindungen zwischen Regionalbahnhöfen. Zumal die Elektrifizierung des Busverkehrs vorangetrieben wird: Die Subventionierung von E-Bussen wird von 15 Millionen Euro (2023) auf 36 Millionen Euro (2025) erhöht.

Kritik und Zukunftsausblick

Doch nicht alle Aspekte seiner Amtszeit blieben ohne Tadel. Automobilhersteller wie Mercedes, Audi und Porsche übten Kritik am langsamen Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Autos. Aktuell gibt es über 34.000 öffentliche Ladestationen, darunter 6.000 Schnellladestationen. Auch der Ausbau von Radschnellwegen verläuft schleppend; bis 2030 sollen 20 Radschnellwege fertiggestellt werden, bisher sind lediglich 34 von 370 Kilometern abgeschlossen.

Zusätzlich gab es wenig Fortschritte bei der Fusion von Verkehrsverbünden und der Vereinheitlichung der Tarifsysteme. Hermann konnte nicht einmal die Arbeitgeber-Verkehrsabgabe zur Stärkung des Nahverkehrs gegen die CDU durchsetzen, was die Herausforderungen der politischen Landschaft verdeutlicht.

Insgesamt wird Winfried Hermann als eine prägende Figur der Verkehrspolitik in Baden-Württemberg in Erinnerung bleiben. Seine 15-jährige Amtszeit war geprägt von großen Herausforderungen, aber auch von bedeutenden Fortschritten in der Verkehrswende des Landes. Es bleibt abzuwarten, wie die neue Führung die begonnenen Projekte und Visionen weiterführen wird.