Am 29. April 2026 hat Winfried Kretschmann (Grüne) in einer bewegenden Zeremonie im Weißen Saal des Neuen Schlosses Stuttgart seinen Abschied gefeiert. Diese feierliche Veranstaltung wurde mit einer Darbietung des Stuttgarter Balletts, das eine Episode aus Tschaikowskys „Schwanensee“ tanzte, untermalt. Auf Kretschmanns Wunsch hin sang ein Tenor eine Arie aus Mozarts „Don Giovanni“, was der Veranstaltung eine besondere Note verlieh.
In den Festreden, die von Thomas Strobl (CDU) und dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck gehalten wurden, wurde Kretschmann für seine Fähigkeit gelobt, Vertrauen zu schenken und zu vermehren. Bald wird der Ministerpräsident am 7. Mai 78 Jahre alt. In seiner politischen Karriere hat Kretschmann wichtige Themen wie den Schutz der Natur, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die „Politik des Gehörtwerdens“ stets in den Vordergrund gerückt. Besonders erwähnenswert ist sein Engagement für die Erweiterung des Nationalparks Schwarzwald, wo er eine Vergrößerung um 1200 Hektar erreichen konnte.
Herausforderungen und Erfolge
Kretschmann hinterlässt jedoch auch unerledigte Aufgaben für seine Nachfolger, Cem Özdemir und CDU-Landeschef Manuel Hagel. Insbesondere der Ausbau der Windenergie und die Reform des Schulsystems stehen noch auf der Agenda. Kritiken an seinem Regierungsstil kamen von der FDP und SPD, die ihm vorwarfen, zu präsidial zu agieren. Dennoch sicherte er den Spitzenplatz Baden-Württembergs in der Forschungs- und Wissenschaftspolitik und war ein Vordenker für schwarz-grüne Koalitionen in den 90er Jahren.
Sein Engagement als staatskritischer Föderalist, der starre Zielvorgaben ablehnte, war ebenfalls prägend für seine Amtszeit. Kretschmann hat angekündigt, weiterhin als „Demokratieerklärer“ aktiv zu sein und Schulklassen zu besuchen, was seine Verbundenheit zur jüngeren Generation unterstreicht. Die letzte Abschiedsfeier wird am 7. Mai in der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin stattfinden, wo Horst Seehofer (CSU) als Festredner auftreten wird.
Ein Blick auf seine Karriere
Winfried Kretschmann war bereits bei der Landtagswahl im März 2011 als Spitzenkandidat der Grünen angetreten. Damals erreichten die Grünen mit 24,2 Prozent der Stimmen und 36 Abgeordneten das beste Wahlergebnis bis dahin und wurden zweitstärkste Fraktion im Landtag. Diese Wahl fand im Kontext der Nuklearkatastrophe von Fukushima statt, was seine politische Agenda nachhaltig prägte. Am 12. Mai 2011 wurde er schließlich zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt, was eine historische Premiere für die Grünen darstellte, da es die erste von ihnen geführte Regierung eines Bundeslandes war.
In den folgenden Jahren setzte Kretschmann zahlreiche Reformen um, darunter die Einführung der Gemeinschaftsschule und die Förderung von Industrie 4.0 und Digitalisierung. Seine Amtszeit war nicht frei von Herausforderungen; so gab es unter seiner Führung weniger Windräder als unter seinem Vorgänger Erwin Teufel, was teilweise kritisiert wurde. Dennoch zeigte er sich bei der Landtagswahl 2016 offen für eine Ampelkoalition, die letztendlich nicht zustande kam. Gespräche mit der CDU führten zur Bildung einer grün-schwarzen Koalition, und Kretschmann wurde am 12. Mai 2016 erneut als Ministerpräsident gewählt.
Durch seine langjährige Amtszeit ist Kretschmann der am längsten amtierende Ministerpräsident in der Geschichte Baden-Württembergs geworden. Auch nach seiner Zeit im Amt wird er als bedeutender Akteur in der deutschen Politik in Erinnerung bleiben, nicht zuletzt für seine Fähigkeit, Brücken zu bauen und Dialoge zu fördern.