Am 24. April 2023 feierte die Volkshochschule Ulm ihr 80-jähriges Bestehen. Die Gründung der Bildungseinrichtung geht auf den 24. April 1946 zurück, nur ein Jahr nach dem Einmarsch der US-Amerikaner. Als eine der ersten Volkshochschulen in Nachkriegsdeutschland, wurde sie von Inge Scholl, der Schwester der berühmten Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl, ins Leben gerufen. Inge Scholl, die politisch engagiert war, legte den Grundstein für eine Institution, die sich der demokratischen Bildung verschrieben hat. Das Logo und der Name „vh“ stammen von dem renommierten Designer Otl Aicher, der später Inge Scholl heiratete.
Die Volkshochschule Ulm wurde schnell zu einem bedeutenden Ort des Lernens und des Austauschs und zieht Jahr für Jahr rund 250.000 Besucher an. Christoph Hantel, der heutige Leiter, hebt die Bedeutung des Erbes von Inge Scholl hervor. Die Volkshochschule hat sich als offenes Haus für alle Schichten etabliert, fördert den Austausch und die Diskussion über gesellschaftliche Themen. In den 1950er und 60er Jahren fanden sich viele bedeutende Persönlichkeiten wie Theodor Heuss, Ingeborg Bachmann und Golo Mann in Ulm ein, um Vorträge zu halten und sich mit den Lernenden auszutauschen.
Ein bedeutendes Jubiläum
Im Rahmen des 80-jährigen Jubiläums wurde die Ausstellung „Wirkung“ eröffnet, die die bewegte Geschichte der Volkshochschule mittels historischer Fotos und Mitmachelementen veranschaulicht. Die Ausstellung ist nicht nur ein Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte, sondern auch eine Hommage an die Widerstandsbewegung, die Ulm geprägt hat. Die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter der „Weißen Rose“ sind zentrale Figuren dieser Geschichte. Aus Ulm kamen die meisten Mitglieder dieser Gruppe, die sich aktiv gegen das NS-Regime zur Wehr setzten. Die Ausstellung porträtiert Hans und Sophie Scholl sowie 22 weitere Jugendliche, die sich aufgrund ihrer Werte und Überzeugungen in Konflikt mit der nationalsozialistischen Herrschaft begaben.
Diese Jugendlichen, die oft aus verschiedenen Glaubensrichtungen und Denkweisen stammten, setzten sich für Gerechtigkeit und Menschlichkeit ein. Sie klebten Plakate, verteilten Flugblätter, desertierten und halfen Zwangsarbeitern zur Flucht oder versteckten jüdische Bürger. Die Ausstellung zielt darauf ab, insbesondere ein junges Publikum anzusprechen und regt zum Nachdenken über Zivilcourage an. Das Leitmotiv der Ausstellung – Zivilcourage – ist zeitlos und fordert dazu auf, auch heute kritisch über das eigene Handeln nachzudenken.
Herausforderungen und Chancen der Volkshochschulen
Die Volkshochschule Ulm ist heute eine der zehn größten Volkshochschulen in Baden-Württemberg, beschäftigt 60 Festangestellte und rund 900 freie Dozenten. Dennoch stehen Volkshochschulen in Deutschland vor Herausforderungen. Die Zunahme von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus in der Gesellschaft konfrontiert sie mit einer ablehnenden Haltung gegenüber demokratischen und humanistischen Werten. Im März 2025 wird eine Bestandsaufnahme zu Vorkommnissen an Volkshochschulen im Rahmen des Projektes „Brandmauern im Bildungswesen“ der Universität Hamburg veröffentlicht, die auf menschenfeindliche und extremistische Einwürfe hinweist, die Bildungsveranstaltungen stören.
Dennoch bleibt das Ziel der Volkshochschulen, „Weiterbildung für alle“ anzubieten und eine grundlegende Offenheit für Menschen aller Altersgruppen, Geschlechter, Herkunft und Weltanschauungen zu gewährleisten. Diese Offenheit bietet sowohl Chancen als auch Angriffsflächen für populistische und antidemokratische Kräfte. Die Volkshochschule Ulm spielt somit eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Kompetenzen für das Zusammenleben in der Demokratie und fördert die Fähigkeit, Meinungsvielfalt auszuhalten und konstruktiv mit Widerspruch umzugehen.