In Tübingen wartet Aylin seit Jahren auf etwas, das für viele Mädchen ganz normal ist: ihre erste Periode. Stattdessen fühlt sie sich oft wie ein Außenseiter, wenn im Freundeskreis die Gespräche über Menstruation und sexuelle Erfahrungen beginnen. Während ihre Freundinnen lachen und neugierig sind, bleibt bei ihr ein Gefühl der Isolation zurück. Intime Versuche führen nicht zu den erhofften Glücksmomenten, sondern zu stechenden Schmerzen. Es ist eine Zeit des Zweifels und der inneren Zerrissenheit – Aylin fragt sich, was mit ihr nicht stimmt.

Im Jahr 2015 erhält sie in der Spezialklinik Tübingen endlich eine Diagnose: Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom (MRKH). Eine seltene Fehlbildung, bei der Gebärmutter und Scheidengang entweder fehlen oder stark verkümmert sind. Das Gefühl, anders zu sein, wird durch diese Diagnose nicht gerade besser. Aylin steht vor einer Entscheidung: jahrelanges Dehnen oder eine riskante Operation. Sie wählt den operativen Weg und wird Teil einer komplexen Prozedur, die ihre Lebensqualität entscheidend verändern soll.

Ein Weg zu einem neuen Leben

Für den Eingriff wird ein Spannerapparat und Drähte verwendet, um einen künstlichen Scheidengang, eine sogenannte Neovagina, zu schaffen. Es klingt kompliziert und beängstigend, aber Aylin hat einen starken Rückhalt: ihren Partner Oli. Während dieser Zeit ist er mehr als nur ein Lebensgefährte – er ist ihre Stütze. Als sie ihm mitteilt, dass sie keine Kinder bekommen kann und Geschlechtsverkehr ohne Operation unmöglich ist, reagiert er mit Verständnis und nimmt ihr die Angst, nicht genug zu sein.

Aylin hat sich entschieden, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Sie möchte Vorurteile abbauen und anderen, die mit MRKH leben, Mut machen. Und sie ist nicht allein: Das Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom betrifft etwa 1 von 4.500 Frauen. In Selbsthilfegruppen findet Aylin Austausch mit anderen Betroffenen. Diese Gemeinschaft ist ein wichtiger Ort, an dem Themen wie Partnerschaft, Kinderwunsch, Trauer und Ängste besprochen werden können.

Das Leben mit MRKH

Die Diagnose MRKH bringt eine Vielzahl von Herausforderungen mit sich. Es handelt sich um eine angeborene Fehlbildung, die durch Hemmungsfehlbildung der Müller-Gänge im zweiten Embryonalmonat entsteht. Besonders betroffen sind nur Frauen, und die Ovarialfunktion bleibt in der Regel ungestört. Das bedeutet, dass die Betroffenen zwar nicht menstruieren können, jedoch weiterhin Östrogen und Gestagen produzieren. Dies ist ein kleiner Lichtblick inmitten der Herausforderungen.

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Die Therapieoptionen reichen von konservativen Dehnmethoden bis hin zu operativen Verfahren wie der Neovagina nach Vecchietti. Aylins Entscheidung für die Operation war letztlich ein Schritt in ein erfülltes Leben. Heute hat sie Kontakt zu anderen Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und gemeinsam helfen sie sich, die Herausforderungen des Lebens mit MRKH zu meistern.

Gemeinschaft und Unterstützung

Selbsthilfegruppen für MRKH-betroffene Frauen gibt es seit 2009. Sie haben bereits über 10 große Gruppentreffen und viele kleinere regionale Treffen organisiert. Mitglieder aus dem gesamten deutschsprachigen Raum – von Deutschland über Österreich bis zur Schweiz – tauschen sich über ihre Erfahrungen aus. Neuankömmlinge sind stets willkommen und können anonym mitlesen oder aktiv am Austausch teilnehmen. Der Kontakt erfolgt häufig über Social Media, was den Austausch erleichtert.

Die Gemeinschaft ist ein Ort, an dem Ängste geteilt und Trost gespendet wird. Aylin und viele andere Frauen finden hier einen Platz, an dem sie sich verstanden fühlen. Es ist eine Reise, die manchmal steinig ist, aber auch von Hoffnung und Unterstützung geprägt wird. Mit ihrer Offenheit kämpft Aylin gegen Vorurteile und zeigt, dass trotz aller Herausforderungen das Leben lebenswert ist.

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