Am 2. Juni 2026 fand im Kupferbau der Universität Tübingen ein bemerkenswerter Vortrag statt, der die Zuhörer tief berührte und zum Nachdenken anregte. Eingeladen vom Weltethos-Institut, beleuchtete der Redner die Themen Mimesis, Medien und die Schattenseiten der menschlichen Kommunikation. Unter dem Titel „Die Macht der Mimesis – Medien zwischen Dialog und Hetze“ wagte er eine mutige Auseinandersetzung mit den Strömungen des modernen Antisemitismus und deren tiefen Wurzeln in unserer Gesellschaft. Annette Guthy eröffnete den Abend mit einem eindrucksvollen Vorwort, das den Rahmen für die anschließende Diskussion setzte.

Die Rede wurde nicht nur gehalten, sondern auch transkribiert und wird im Blog des Instituts veröffentlicht. Ein Kernzitat von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno aus ihrer Arbeit „Dialektik der Aufklärung“ (1944) fand besonderen Anklang: Antisemitismus beruht auf falscher Projektion. Diese Projektion wurde als Kontrapunkt zur echten Mimesis beschrieben, wodurch deutlich wurde, wie verzerrt das Bild ist, das einige Menschen von anderen – in diesem Fall von Juden – entwerfen. Der Redner thematisierte den antisemitischen Verschwörungsglauben und entblößte dessen mythologische und biblisch-dualistische Strukturen. Es ging nicht nur um Theorien, sondern auch um Machtverhältnisse und deren Einfluss auf das individuelle Ich sowie auf zwischenmenschliche Beziehungen.

Die Wurzeln des Antisemitismus

Antisemitismus ist ein Phänomen, das tief in der modernen Gesellschaft verwurzelt ist. In der Auseinandersetzung mit Horkheimer und Adorno wird deutlich, dass Antisemitismus als ein Aspekt bürgerlicher Vergesellschaftung verstanden werden muss, untrennbar verbunden mit der Moderne. Diese Einsicht führt uns zu der Erkenntnis, dass der moderne Antisemitismus sowohl eine Bedingung als auch eine Limitierung der Aufklärung darstellt. Er ist nicht einfach ein Relikt vergangener Zeiten, sondern ein lebendiges, psychologisch zu verstehendes Phänomen, das aus unerfüllten Wünschen nach Identität resultiert.

Die Rede in Tübingen schloss an ein ähnliches Thema an, das bereits beim Fachtag gegen Antisemitismus 2025 in Leinfelden-Echterdingen behandelt wurde. Der Redner wies darauf hin, dass der moderne Antisemitismus nicht durch das Verhalten von Juden erklärbar ist, sondern vielmehr durch die Projektionen und Phantasien der Antisemit(inn)en. Es ist ein überindividuelles Phänomen, das in der Gesellschaft als Norm verankert ist und häufig als eine Art zu denken und zu fühlen beschrieben wird, die eine Unfähigkeit zur abstrakten Reflexion und zur konkreten Empathie beinhaltet.

Ein Blick in die Geschichte

Der moderne Antisemitismus, wie wir ihn heute kennen, hat seine Wurzeln im späten 19. Jahrhundert. Anders als der Antijudaismus im Mittelalter, der oft religiös motiviert war, speist sich der moderne Antisemitismus aus politischen, sozialen und weltlichen Motiven. Die Aufklärung führte zur Emanzipation und rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung, doch wirtschaftliche und kulturelle Unsicherheiten ließen Juden oft als Sündenböcke erscheinen. Sie wurden fälschlicherweise als Symbol für die moderne Welt betrachtet und mit gesellschaftlichen Problemen in Verbindung gebracht.

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Die Veränderungen im Denken über Juden führten zu einem völkisch-rassistischen Antisemitismus, der eine angebliche Übermacht der Juden betonte. Diese Entwicklung gipfelte in der „Judenfrage“, die im Kontext der Rassentheorien und des Sozialdarwinismus zur „Rassenfrage“ umgedeutet wurde. Juden wurden nicht mehr nur als Religionsangehörige betrachtet, sondern als Träger negativer biologischer Eigenschaften, die aus dem „Volkskörper“ entfernt werden sollten. Der Begriff Antisemitismus, geprägt von Wilhelm Marr im Jahr 1879, basierte auf rassistischen Vorstellungen und pseudowissenschaftlichen Erklärungen, die bis in die Tiefen der Gesellschaft eingedrungen sind.

Die Zukunft im Blick

Ein zentraler Punkt in der Rede war die Notwendigkeit, antisemitische Ressentiments bereits in der frühen Kindheit zu adressieren. Nur so kann präventiv gegen die Verfestigung solcher Einstellungen vorgegangen werden. Es ist eine Herausforderung, die nicht nur die Gesellschaft, sondern jeden Einzelnen betrifft. Wir müssen uns fragen, wie wir als Gemeinschaft mit diesen Themen umgehen und welche Schritte wir unternehmen können, um eine offene, empathische und respektvolle Diskussion zu fördern.

Die Rede, die im Kupferbau der Universität Tübingen gehalten wurde, ist nicht nur ein eindringlicher Aufruf zur Reflexion über unsere eigene Wahrnehmung und die Medien, sondern auch ein wichtiger Beitrag zu einem Diskurs, der vielleicht nie so aktuell war wie heute. Der moderne Antisemitismus ist mehr als eine historische Fußnote – er ist eine Herausforderung, die uns alle betrifft.

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