Am vergangenen Samstag, dem 10. Mai 2026, erlebte die Altensteiger Stadtkirche ein Konzert der besonderen Art. Dort, wo die Wände Geschichte atmen und jeder Stein Geschichten erzählt, fand die 136. Auflage der Konzertreihe der Kirchenmusik statt. Die zauberhaften Klänge des Blockflötenensembles Con vivo bezauberten das Publikum und führten die Zuhörer durch ein Programm, das sowohl geistliche als auch weltliche Werke europäischer Komponisten umfasste – vom Barock bis zur Gegenwart. Gebannt lauschten alle den virtuosen Flötentönen und den eindrucksvollen Darbietungen des Ensembles.
Das Ensemble begann einst mit lediglich vier Spielerinnen. Heute, fast 30 Jahre später, sind es rund 20 Musikerinnen, die aus einem Umkreis von etwa 30 Kilometern zu den Proben anreisen. Unter der Leitung von Monika Früchtl, die mit ihrer solistischen und pädagogischen Erfahrung glänzt, wird ein hohes musikalisches Niveau geboten. Man spürt förmlich die Leidenschaft und den Einsatz, den jede Musikerin in die Aufführung steckt. Und was für ein Genuss! Der „Türkische Marsch“ von Jean Baptiste Lully verzauberte die Zuhörer, während Soli aus „Der Frühling“ von Antonio Vivaldi und „Now is the month of Maying“ von Thomas Morley die Luft erfüllten.
Ein spiritueller Abend
Pfarrer Detlev Börries, der die Veranstaltung mit Bibeltexten und Gebeten begleitete, verlieh dem Abend eine besondere Tiefe. Die Anwesenden sangen mit Inbrunst Lieder über die göttliche Schöpfung – ein Moment, der einen ganz besonderen Platz im Herzen der Gäste fand. Es war nicht nur ein Konzert; es war eine Andacht, eine Stunde des Lobes. Das Ehepaar Susanne und Eberhard Schuler-Meybier bereicherte das Programm mit ihren musikalischen Beiträgen. Während Eberhard ein Gebet von Heinrich Schütz sang, spielte Susanne die Partita über „Jesu meine Freude“ von Andreas Nicolaus Vetter auf der Orgel und fesselte damit die Zuhörer.
Das Konzert endete mit dem Werk „Enthüllen des Lichts“ von Martin Heuser und die Reaktionen waren überwältigend. Das Publikum ließ sich von der Begeisterung mitreißen, applaudierte lange und rief begeistert. Diese Art von Rückmeldung ist für die Musikerinnen ein Zeichen, dass ihre harte Arbeit und die hohen technischen und musikalischen Ansprüche, die an sie gestellt werden, fruchten.
Die STUNDE DER KIRCHENMUSIK
Die Altensteiger STUNDE DER KIRCHENMUSIK, die von Christine Hauptmann ins Leben gerufen wurde, ist ein weiteres Highlight der musikalischen Landschaft in Altensteig. Geprägt von einem Konzept, das sich am Leipziger Vorbild orientiert, wird sie auch als „Orgelvesper“ bezeichnet. Diese liturgische Musikstunde, die am Samstagabend zur Einstimmung auf den Sonntag dient, hat sich über die Jahre gewandelt. Ursprünglich schien der Begriff im Schwäbischen mit Abendessen assoziiert und sorgte für einige Irritationen. Unter der Leitung von Dr. Wieber wurde die Reihe ab 1992 fortgeführt, wobei der Fokus nicht ausschließlich auf der Orgel lag.
Seit 2013 führt das Ehepaar Schuler-Meybier die musikalische Andacht weiter und hat damit einen Raum geschaffen, in dem die Gemeinde Gottes Botschaft neu entdecken kann – nicht als Konzertveranstaltung, sondern als eine Form der Verkündigung und des Lobes. Die Christophorus-Kantorei war von Anfang an ein fester Bestandteil dieser musikalischen Andacht. Es ist nicht nur ein Ort des Gesangs, sondern auch des Miteinanders und der Gemeinschaft.
Ein Blick über den Tellerrand
Musikalische Vespern sind nicht nur in Altensteig ein Thema. In vielen Regionen, wie beispielsweise in der Marktkirche in Eschwege, finden ähnliche Veranstaltungen statt, die den Wochenausklang mit musikalisch-liturgischen Andachten feiern. Dort singen regionale Musiker, die oft eine fundierte Ausbildung an Kirchenmusikschulen haben. Diese Vespern sind ein wahrer Genuss und laden die Gemeinde ein, in einem feierlichen Rahmen zusammenzukommen. Der Eintritt ist frei, doch Spenden zur Unterstützung der Musiker sind stets willkommen.
Die Corona-Pandemie hat auch diesen kulturellen Bereich stark getroffen. Viele Veranstaltungen mussten abgesagt oder angepasst werden, um den notwendigen Schutzmaßnahmen gerecht zu werden. Dennoch bleibt die Hoffnung, dass die musikalischen Andachten, die eine lange Tradition haben, auch weiterhin Bestand haben werden und die Menschen in diesen herausfordernden Zeiten verbinden.
So bleibt die Altensteiger Stadtkirche ein Ort, wo Musik und Glauben Hand in Hand gehen und wo die Klänge der Blockflöten und der Orgel noch lange nachhallen werden.