In Reutlingen und anderen Städten Baden-Württembergs wird derzeit ein kraftvolles Zeichen gesetzt – rund 800 Beschäftigte im Handel haben zur Streikflagge gegriffen. Die Warnstreiks sind Teil einer größeren Tarifrunde, die etwa 500.000 Angestellte im Einzel- und Versandhandel betrifft. Und während die Gewerkschaft Verdi von einer breiten Teilnahme an den Arbeitsniederlegungen berichtet, bleibt die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, Sabine Hagmann, optimistisch. Sie glaubt nicht, dass es zu größeren Einschränkungen für die Kunden kommen wird. Komisch, oder? Man fragt sich, wie lange das gut geht.

Die Protestaktionen fanden in Städten wie Stuttgart, Heilbronn, Schwäbisch Hall, Reutlingen, Tübingen und vielen anderen Orten statt. Betroffen sind große Namen wie Kaufland, H&M, Ikea, Obi, Primark und Zara. Verdi hat klare Forderungen aufgestellt: eine Lohnerhöhung von 300 Euro und eine Laufzeit des neuen Tarifvertrags von 12 Monaten. Die erste Verhandlungsrunde am 24. April brachte allerdings keine Angebote seitens der Arbeitgeber hervor, was Verdi-Verhandlungsführer Wolfgang Krüger sichtlich verärgert hat. Ein echtes Spiel auf Zeit, oder?

Existenzängste im Handel

Die Situation ist angespannt. Jeder sechste Händler in Deutschland hat Existenzangst, und der Handel leidet – wie viele Branchen – unter der Wirtschaftskrise und der Konsumflaute. Man hört es immer wieder: Die Kaufkraft der Menschen sinkt, und das macht den Beschäftigten im Handel zu schaffen. Ein Grund mehr, warum Verdi nicht nur die Löhne, sondern auch die Arbeitsbedingungen verbessern möchte. Denn in Hamburg und Nordrhein-Westfalen wurden bereits erste Tarifangebote von Arbeitgebern unterbreitet, die eine Erhöhung um 2 Prozent ab November und weitere 1,5 Prozent ab August 2027 vorsehen. Aber ob das ausreicht?

Verdi fordert für 5,2 Millionen Beschäftigte im Handel sogar 7 Prozent mehr Lohn! Das soll tabellenwirksam und mit einer Laufzeit von zwölf Monaten gelten. Einmalzahlungen sind für die Gewerkschaft keine Lösung. Neben der Lohnerhöhung sind auch mehr Vollzeitstellen und eine stärkere Tarifbindung auf der Wunschliste. Die Ausbildungsvergütungen sollen überproportional steigen, denn die Jüngeren müssen schließlich auch von etwas leben können. Immerhin arbeiten 65,1 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel und 27,6 Prozent im Großhandel in Teilzeit – oft unfreiwillig. Das ist ein echtes Dilemma, das nicht ignoriert werden kann.

Die Lage der Beschäftigten

Die Preissteigerungen belasten die Handelsbeschäftigten enorm. Der durchschnittliche Bruttoverdienst im Einzelhandel liegt unter dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft. Viele Beschäftigte sind akut von Altersarmut bedroht, ein Umstand, der durch niedrige Löhne und fehlende Tarifbindung noch verstärkt wird. Die öffentliche Abwertung von Teilzeitbeschäftigten ist ein weiteres Ärgernis. Wer will schon in der Gesellschaft als „weniger wert“ gelten, nur weil man in Teilzeit arbeitet? Das führt zu niedrigen Einkommen und entsprechend niedrigen Renten. Wer das nicht erlebt hat, kann es sich kaum vorstellen.

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Am Ende bleibt die Frage, wie es weitergeht. Die Tarifrunden im Handel beginnen im April, und die Verhandlungen stehen in den kommenden Monaten an. Es bleibt zu hoffen, dass alle Beteiligten an einen Tisch kommen und Lösungen finden, die für alle tragbar sind. Denn der Handel ist nicht nur ein Wirtschaftszweig, sondern auch ein Teil unserer Kultur und Gemeinschaft. Und das sollte uns allen etwas wert sein.