Stoll geht, Cixing kommt: Ein Stück deutscher Ingenieurskunst unter neuer Flagge
In Reutlingen, einer Stadt, die mit ihrer industriellen Vergangenheit eng verbunden ist, wurde Ende Oktober 2025 ein Kapitel geschlossen: Die H. Stoll AG & Co. KG, ein Traditionsunternehmen, das über 150 Jahre lang in der Textilmaschinenbranche tätig war, stellte die Produktion ein. Gegründet wurde Stoll 1873 in Riedlingen, und bis zur Schließung zählte das Unternehmen etwa 270 Mitarbeiter. Für viele war dies nicht nur ein wirtschaftlicher Rückschlag, sondern auch ein emotionaler Verlust.
Die Schließung kam nach der Übernahme durch die Karl Mayer Gruppe im Jahr 2020, die sich im Jahr 2025 verstärkt auf ihre Kernbereiche konzentrieren wollte. Ein Teil dieser Strategie umfasst den Verkauf ausgewählter Vermögenswerte an die chinesische Ningbo Cixing Co., Ltd., einen großen Strickmaschinenhersteller mit rund 1.700 Beschäftigten. Cixing plant, auf dem Gelände des ehemaligen Stoll-Standorts in Reutlingen-West Geschäfte aufzunehmen und hat bereits neue Gesellschaften gegründet. Das klingt zunächst nach einem frischen Wind, doch hinter den Kulissen brodeln die Sorgen um Arbeitsplätze und die Zukunft der deutschen Wertschöpfung.
Die Details der Übernahme
Die Übernahme ist Teil eines größeren Trends, bei dem traditionsreiche deutsche Unternehmen von chinesischen Firmen übernommen werden. In diesem Fall umfasst der Deal die Marke Stoll, spezifische technologische Assets sowie Rohmaterialbestände. Auch wenn die Karl Mayer Gruppe versichert, dass bestehende Garantieverpflichtungen gegenüber den Kunden gesichert bleiben, ist die Unsicherheit groß. Ein Abwicklungsteam sorgt zwar für die Gewährleistungsfälle und Ersatzteilversorgung, hat sich jedoch auf etwas über 20 Personen reduziert.
Die Reaktionen auf diese Übernahme sind gemischt. Kritiker befürchten einen Ausverkauf deutscher Technologien, während Befürworter darauf hoffen, dass frisches Kapital und neue Märkte entstehen. Es ist nicht zu übersehen, dass die letzten zehn Jahre einen Anstieg chinesischer Investitionen in Deutschland mit sich brachten, wobei Maschinenbau, Automobilindustrie und Elektrotechnik besonders betroffen sind. Besonders markant war 2016, als 68 Übernahmen durch chinesische Investoren stattfanden.
Ein Blick in die Zukunft
Die Ningbo Cixing Co., Ltd. hat sich viel vorgenommen. Die Pläne, auf dem Gelände des ehemaligen Stoll-Werks Geschäfte aufzunehmen, lassen viele Fragen offen: Wie viele Arbeitsplätze werden geschaffen, und welche Technologien werden hier künftig entwickelt? Ein Kundendienst für die installierten Maschinen ist für später in diesem Jahr geplant, und wir dürfen gespannt sein, wie sich die Situation im Laufe der Zeit entwickeln wird.
Die Übernahme von Stoll ist nicht nur ein isolierter Fall, sondern Teil eines Musters. Fünf Jahre nach der Übernahme durch chinesische Investoren berichten viele Unternehmen von einem Umsatzwachstum und einer Stabilisierung der Beschäftigtenzahlen. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Der Fall des Automobilzulieferers Kiekert, der 2012 in chinesische Hände fiel und später in die Insolvenz ging, zeigt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Geopolitische Spannungen und finanzielle Engpässe können auch die besten Pläne durchkreuzen.
Was bleibt, sind Fragen und Hoffnungen. Wie wird sich die Marke Stoll unter chinesischer Führung entwickeln? Können wir erwarten, dass die deutsche Ingenieurskunst in sicheren Händen bleibt? Eines ist sicher: Der Dialog über internationale Beteiligungen und deren Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft wird noch lange anhalten.
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