Das Ende einer Ära: Stoll schließt und eröffnet neue Wege in Reutlingen
Reutlingen, ein Ort, der so viel Geschichte atmet, hat nun eine neue Wendung in seinem wirtschaftlichen Kapitel erlebt. Die traditionsreiche H. Stoll AG & Co. KG, ein Unternehmen, das seit 1873 in der Textilbranche tätig war, hat Ende Oktober 2025 die Pforten für immer geschlossen. Die Schließung kam nicht ganz überraschend, denn die hessische Karl Mayer Gruppe, die Stoll im Jahr 2020 übernommen hatte, hat diese Entscheidung getroffen. Vor der Schließung beschäftigte Stoll etwa 270 Mitarbeiter, die nun vor der Herausforderung stehen, neue Wege zu finden.
Die Übernahme durch Karl Mayer war bereits ein Zeichen für den Wandel in der deutschen Unternehmenslandschaft, doch die Pläne, bestimmte Vermögenswerte an die chinesische Ningbo Cixing Co., Ltd. zu verkaufen, sind ein weiterer Schritt in eine neue Richtung. Cixing, ein bedeutender Hersteller von Strickmaschinen mit rund 1.700 Angestellten in Ningbo, plant, auf einem Teil des ehemaligen Betriebsgeländes in Reutlingen zwei neue Gesellschaften zu gründen. Was für eine Wendung! Die Marke Stoll, Materialbestände und technologische Assets werden dabei in neue Hände gelegt.
Der Ausverkauf der Tradition
In den letzten Jahren hat sich das Bild der deutschen Wirtschaft durch ausländische Investitionen, insbesondere aus China, drastisch verändert. Chinesische Unternehmen haben nicht nur Stoll erworben, sondern auch viele andere deutsche Firmen. Zwischen 2006 und 2021 waren chinesische Investoren an 442 deutschen Unternehmen beteiligt oder haben diese ganz übernommen. Im Jahr 2021 gab es 35 Übernahmen im Wert von 2 Milliarden Dollar. Ein Drittel davon entfiel auf den Industriesektor – und der Maschinenbau ist ein heißes Pflaster.
Man denke nur an die Übernahme von Kuka, einem Hersteller von Industrierobotern, durch die Midea Group im Jahr 2016. Solche Übernahmen bringen nicht nur frisches Kapital, sondern auch Bedenken hinsichtlich nationaler Sicherheitsinteressen und Technologietransfer mit sich. Die Bundesregierung hat bereits Maßnahmen ergriffen, um kritische Infrastruktur zu schützen und Kontrollen über ausländische Investitionen zu verstärken. Ein schmaler Grat zwischen Fortschritt und Abhängigkeit.
Die geopolitische Dimension
Die bilateralen Handelsbeziehungen zwischen China und Deutschland haben sich in den letzten Jahren dynamisch entwickelt. In den 2010er-Jahren übernahmen chinesische Investoren verstärkt deutsche Unternehmen, doch das Marktumfeld hat sich verändert. Geopolitische Spannungen, regulatorische Anpassungen und wirtschaftliche Unsicherheiten haben dazu geführt, dass chinesische Direktinvestitionen in Deutschland von 11-12 Milliarden Euro (2016, 2018) auf lediglich 0,3 Milliarden Euro im Jahr 2020 gesunken sind. Ein gewaltiger Rückgang!
Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Wirtschaft weltweit durcheinandergewirbelt. Auch die Investitionsbereitschaft hat sich nach der Pandemie nicht erholt. Während deutsche Direktinvestitionen in China von 7-8 Milliarden Euro (2015-2017) auf 4,4 Milliarden Euro (2024) fielen, wuchs das Interesse deutscher Unternehmen an Beteiligungen in China nach 2022 wieder – ein klarer Wechsel der Perspektive. Chinesische Unternehmen agieren mittlerweile selektiver und setzen eher auf Greenfield-Investitionen statt auf klassische Übernahmen.
Deutschland bleibt für chinesische Unternehmen ein bedeutender Markt, vor allem in der Automobil-, Chemie- und Maschinenbaubranche. Doch die Skepsis gegenüber chinesischen Investoren ist nicht zu übersehen. Übernahmeverbote für chinesische Unternehmen in Deutschland sind ein deutliches Zeichen der Vorsicht. Die Öffentlichkeit ist skeptisch, und das beeinflusst die M&A-Transaktionen.
So schließt sich der Kreis um das Schicksal von H. Stoll AG & Co. KG. Was bleibt, ist die Frage, wie sich die wirtschaftliche Landschaft in Reutlingen und darüber hinaus entwickeln wird. Es bleibt spannend zu beobachten, welche neuen Wege sich auf dem ehemaligen Betriebsgelände auftun und wie sich die deutsche Industrie im Angesicht ausländischer Übernahmen wandeln wird.
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