Auf dem Calwer Friedhof, einem Ort der Stille und des Gedenkens, hat sich zwischen dem 5. April und dem 4. Mai 2026 ein schockierender Vorfall ereignet. Unbekannte Täter haben vier Sammelgrabstätten für sozial Schwächere geschändet. Was für eine furchtbare Vorstellung! Drei der betroffenen Gräber gehören zur Erlacher Höhe, einer Einrichtung, die Menschen in Not unterstützt. Es ist einfach unerhört, wie hier das Andenken an die Verstorbenen mit Hakenkreuzen verunreinigt wurde – offenbar mit einem Permanentmarker auf die Rückseite der Holzstelen der Gräber kritzelt. Der Gesamtschaden? Mehrere 100 Euro. Aber das sind nicht nur Zahlen; das sind Erinnerungen und Geschichten, die hier ihren Platz hatten.
Die Abteilung Staatsschutz der Kriminalpolizeidirektion in Calw hat die Ermittlungen aufgenommen. Es besteht ein Anfangsverdacht des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen in Tateinheit mit Sachbeschädigung. Die Polizei bittet um Mithilfe und sucht Zeugen, die sich an den Kriminaldauerdienst in Pforzheim wenden können. Die Verantwortlichen der Erlacher Höhe sind erschüttert über diesen Vorfall. Dekan Erich Hartmann bezeichnet die Tat als „Anschlag“ auf die Gedenkstätte und die Würde der Verstorbenen. Wie kann man so etwas tun?
Ein dunkles Kapitel der Geschichte
Besonders schmerzhaft wird dieser Vorfall durch die historische Diskriminierung von Menschen am Rand der Gesellschaft, die von den Nationalsozialisten als „Asoziale“ diffamiert wurden. Sebastian Kirsch von der Erlacher Höhe erinnert daran, dass es bereits vor zwei Jahren zu einer Schändung an einem Grab gekommen war. Ein weiteres Zeichen, dass die Wunden der Vergangenheit noch längst nicht verheilt sind. Der Deutsche Bundestag erkannte die betroffenen Gruppen erst im Frühjahr 2020 offiziell als Opfer der Nazis an. Solche Taten schüren nicht nur Trauer, sondern auch ein Gefühl der Ohnmacht.
In einer Zeit, in der wir uns um die Erinnerungen an unsere Geschichte kümmern sollten, sind solche Vorfälle eine schreckliche Erinnerung daran, dass wir den Kampf gegen das Vergessen niemals aufgeben dürfen. Wenn wir einen Blick in die Geschichte werfen, sehen wir, dass Antisemitismus und die Schändung von Friedhöfen in Deutschland eine lange und traurige Tradition haben. So äußerte Leon Löwenkopf, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, bereits 1948 seine Besorgnis über den wieder auflebenden Antisemitismus, insbesondere über 44 Friedhofsschändungen. Historiker berichten, dass seit 1947 wöchentlich jüdische Friedhöfe geschändet wurden. Die Taten blieben oft ungesühnt, und die Verharmlosung solcher Übergriffe war eine alltägliche Realität.
Der Kampf gegen das Vergessen
Jüdische Friedhöfe waren nach dem Holocaust oft verwaist und wurden von den nichtjüdischen Anwohnern kaum gepflegt. Die jüdischen Gemeinden versuchten, die Friedhöfe zu betreuen und forderten eine Strafverfolgung bei Schändungen. Allerdings wurden viele dieser Vorfälle in der Presse kaum thematisiert. In der DDR beispielsweise wurde Antisemitismus als nicht existent erklärt, während antisemitische Straftaten oft als vom Westen gesteuert dargestellt wurden. Die jüdischen Gemeinden in der DDR lebten unter einem Klima der Angst und Unsicherheit.
Die Schändungen setzen sich bis in die 1980er Jahre fort. Trotz kommunaler Zusagen wurden Schäden an Friedhöfen nicht behoben, und die Täter blieben oft unbekannt. Wie lange noch müssen wir diese Geschichten hören, ohne dass sich etwas ändert? Die Dokumentation der Vorfälle war unzureichend, und die jüdischen Gemeinden waren oft auf sich allein gestellt. Vorfälle wie der in Calw zeigen uns, dass wir wachsam bleiben müssen, dass wir die Stimmen der Verfolgten hören und ihre Erinnerungen bewahren müssen. Die Wunden der Vergangenheit sind tief, und jeder Akt der Schändung ist ein weiterer Schnitt in die Geschichte, die wir niemals vergessen dürfen.