Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg stehen die Kartoffelbauern vor einer besonderen Herausforderung: Eine außergewöhnlich gute Ernte hat dazu geführt, dass die Lager voll sind, während die Käufer ausbleiben. So sieht sich Johannes Kayßer, Landwirt und Betreiber des Biolandbetriebs Tannenhof, mit etwa 15.000 Kilogramm Kartoffeln konfrontiert, die er bislang nicht verkaufen konnte. Kayßer bewirtschaftet insgesamt 62 Hektar, wovon 1,5 Hektar mit Kartoffeln bepflanzt sind. Um die Lagerbestände zu reduzieren, hat er sich entschieden, seine Bioland-Kartoffeln zum halben Preis anzubieten.
Die Situation ist nicht isoliert: Die hohe Erntemenge in Deutschland und anderen europäischen Ländern führt zu einem Überangebot, was sich in drastisch fallenden Preisen niederschlägt. Laut dem Kreisbauernverband ist man besorgt über diese Entwicklung und appelliert an die Verbraucher, regionale Produkte zu kaufen. Im Jahr 2025 stieg die Kartoffelernte in Deutschland von 11,7 Millionen Tonnen auf 13,9 Millionen Tonnen, was die Erzeugerpreise für Speisekartoffeln auf rund 48 Prozent unter dem Vorjahresniveau drückte.
Vielfalt und Anbau
Auf dem Tannenhof baut Kayßer 14 verschiedene Kartoffelsorten an, die sich in ihren Kocheigenschaften unterscheiden. Die Frühkartoffeln sollen voraussichtlich Ende Juni geerntet werden. Interessant ist, dass der Kartoffelanbau auf dem Tannenhof teilweise mit Pferden durchgeführt wird, um Bodenverdichtung zu vermeiden. Kayßer verkauft seine Kartoffeln direkt ab Hof, plant jedoch den Ausbau zu einem richtigen Hofladen, um seinen Kunden eine breitere Auswahl zu bieten.
In Deutschland werden pro Kopf jährlich rund 63 Kilogramm Kartoffeln verzehrt. Diese Knollen bestehen zu etwa 80 Prozent aus Wasser und sind reich an wichtigen Nährstoffen wie Vitamin C, Kalium und Ballaststoffen. Der Anbau von Kartoffeln hat eine große wirtschaftliche Bedeutung, auch wenn der Verzehr und die Anbaufläche rückläufig sind. Im Jahr 2023 wurden auf einer Anbaufläche von rund 264.700 Hektar etwa 11,6 Millionen Tonnen Kartoffeln geerntet.
Die Herausforderungen der Branche
Der konventionelle Anbau überwiegt, während nur etwa 4 Prozent der Erntemenge aus ökologischem Anbau stammen. Die Erntemengen und Hektarerträge schwanken jährlich, mit einem durchschnittlichen Ertrag von 34 Tonnen pro Hektar in den Jahren 2019 bis 2023. Der größte Teil der Ernte entfällt auf Speisekartoffeln, während Industriekartoffeln einen kleineren Anteil ausmachen. Die Anbauschwerpunkte liegen hauptsächlich in Niedersachsen, gefolgt von Bayern und Nordrhein-Westfalen.
Der Rückgang der Anbaufläche seit dem Zweiten Weltkrieg kann unter anderem auf die Fütterung von Schweinen mit Getreide, die abnehmende Bedeutung der Kartoffel in der Ernährung und Importabhängigkeiten zurückgeführt werden. Dennoch bleibt die Kartoffel eine zentrale Kulturpflanze in Deutschland, die tief in der Ernährungskultur verwurzelt ist.
In Anbetracht der aktuellen Marktlage und der Herausforderungen, vor denen die Landwirte stehen, bleibt zu hoffen, dass Verbraucher die regionalen Produkte unterstützen und die Vielfalt der Kartoffelsorten schätzen, die uns die heimischen Betriebe bieten.