Am vergangenen Samstag erlebte das ausverkaufte Mannlich-Haus in Zweibrücken eine literarische Begegnung der besonderen Art. Die beiden Poeten Leah Eisenbarth und Wolfgang Ohler traten auf, um ihre Werke einem begeisterten Publikum zu präsentieren. Während Eisenbarth, Jahrgang 2007, aus ihrem Buch „Nachtleben“ las, das sich mit den Erfahrungen nachtwandelnder Figuren auseinandersetzt, entführte Ohler, Jahrgang 1943, die Zuhörer mit seinem Gedicht „Im Traumpfad“ in die Erinnerungen seiner Kindheit und die Atmosphäre seiner Heimatstadt.
Ohler, der 1992 in New York mit dem Poetry Slam in Berührung kam, ist der Meinung, dass der Literaturnobelpreis 2023, der an einen Lyriker ging, der Poesie zugutekommt. In seinen Texten beschäftigt er sich mit historischen Ereignissen und persönlichen Erinnerungen und reflektiert über den Verlust von Wörtern und Erinnerungen im Alter. Eisenbarth hingegen thematisiert in ihren Texten Flucht und Heimatlosigkeit, sowie die Herausforderungen, mit denen Geflüchtete konfrontiert sind. Kritisch äußerte sie sich zudem zur Künstlichen Intelligenz (KI) und deren Einfluss auf die Poesie. Ihre Darbietung und die von Ohler wurden von den Anwesenden mit großem Applaus belohnt, die sich eine Wiederholung der Veranstaltung wünschten.
Ein Blick auf Poetry Slam
Die Wurzeln des Poetry Slam gehen zurück ins Jahr 1986, als Marc Kelly Smith in Chicago einen neuen Wettstreit der Dichter ins Leben rief. Hierbei handelt es sich um eine moderne Form des literarischen Wettkampfs, die in Deutschland seit 1994 an Popularität gewinnt. Die erste Veranstaltung fand in Berlin statt, gefolgt von der ersten deutschen Meisterschaft im Jahr 1996. Im Poetry Slam haben die Teilnehmer einige Minuten Zeit, um ihre selbstgeschriebenen Texte vorzutragen – ohne Requisiten oder Kostüme. Diese Darbietungen sind oft von einer großen stilistischen Vielfalt geprägt, einschließlich Lyrik, Kurzgeschichten, Rap und Comedy.
Ein zentrales Merkmal des Poetry Slams ist die Interaktivität mit dem Publikum, das über die Sieger abstimmen kann, häufig durch Applaus oder Schilder. Themen sind dabei oft aktuell und können auch tabuisiert sein, was besonders jüngere Menschen anspricht. Diese Vielfalt und die Möglichkeit zur Identifikation machen Poetry Slam zu einer zugänglichen Kunstform, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt hat. So haben sich in Deutschland seit den 1990er Jahren neue Strömungen und Formate etabliert, die vom Einfluss des Spoken Word geprägt sind.
Die Bedeutung der Poesie für die Gesellschaft
Poetry Slams bieten nicht nur eine Plattform für kreative Ausdrucksformen, sondern sind auch eng mit marginalisierten gesellschaftlichen Rollen verbunden. Sie ermöglichen diskriminierten Bevölkerungsgruppen, ihre Stimmen zu erheben und Themen zu beleuchten, die oft in der etablierten Literatur keine Beachtung finden. Ohler und Eisenbarth sind mit ihren unterschiedlichen Perspektiven und Themen ein Beispiel dafür, wie vielfältig und relevant Poesie auch in der heutigen Zeit sein kann.
Die Entwicklung des Poetry Slams zeigt, dass diese Kunstform nicht nur ein Trend ist, sondern sich fest im kulturellen Leben verankert hat. Sie hat sich professionalisiert und ist mittlerweile Teil des Schulcurriculums, was zu gemischten Reaktionen führen kann. Dennoch bleibt die Faszination für die spontane und oft emotionale Darbietung von Texten ungebrochen. Die Veranstaltung in Zweibrücken ist ein weiterer Beweis dafür, dass Poesie auch im digitalen Zeitalter lebendig bleibt und Menschen zusammenbringt.