In Mainz, wo die Geschichte wie das Wasser des Rheins fließt, gab es kürzlich einen bemerkenswerten archäologischen Fund. Beim Abriss eines alten Gebäudes an der Rheinstraße stießen Archäologen auf mehrere Grabsteine, die in bis zu sechs Lagen übereinander liegen. Ein wenig überraschend liegt dieser geschichtsträchtige Ort nur etwa 200 Meter vom heutigen Rhein entfernt, zwischen einem griechischen und einem mexikanischen Restaurant. Es ist fast so, als würden die Geschichten aus der Vergangenheit in der modernen Umgebung weiterleben.
Diese Grabsteine sind nicht einfach nur Steine. Sie gehören zu den unteren Lagen des Festungswerks „Hohe Lauer“, welches im 15. Jahrhundert errichtet und um 1565 verstärkt wurde. Die Bauarbeiten haben offenbar mindestens 18 Sandsteinquader als Füllmaterial verwendet. Die Inschriften auf den Grabsteinen sind in Hebräisch verfasst und wurden seit der Entdeckung Ende 2020 entziffert. Sie öffnen ein Fenster in die Geschichte des Judentums in Mainz, das eng mit der aschkenasischen Tradition verbunden ist. Ein besonders bewegender Grabstein gehört zu Mosche ben Kalonymos und seinen Geschwistern, die 1192 „erschlagen“ wurden. Ein trauriges Zeugnis antijüdischer Gewalt, das uns nachdenklich stimmt.
Ein Blick in die Vergangenheit
Die anderen Grabsteine stammen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts sowie aus der Zeit zwischen 1391 und 1422. Nach dem Jahr 1356 erlebte die jüdische Gemeinde in Mainz eine schwierige Rückkehr, die erst nach 30 Jahren stabil wurde. Doch die Geschichte wiederholte sich: 1438 kam es zur nächsten Vertreibung durch den Stadtrat von Mainz, was zur Schändung des Friedhofs Am Judensand führte. Diese Grabsteine wurden als Baumaterial verwendet, ein Zeichen für das Desinteresse an jüdischen Traditionen, das bis heute nachhallt.
Die Grabsteine werden nun im neuen Archäologischen Fundmagazin in Mainz aufbewahrt. Es ist wichtig zu betonen, dass dieser Fund keineswegs einzigartig ist; bereits 1859 wurden ähnliche Grabsteine bei Bauarbeiten entdeckt. In den 1920er Jahren ließ Rabbiner Sali Levi entweihte Grabsteine auf einem gesonderten Bereich des Gemeindefriedhofs aufstellen. Dieser Denkmalfriedhof, der 1926 eingeweiht wurde, gilt als weltweit einzigartig. Die neuesten Grabsteine sollen jedoch nicht auf dem Denkmalfriedhof aufgestellt werden, sondern in einem neuen Besucherzentrum für die SchUM-Stätten, die drei jüdischen Gemeinden in Mainz, Worms und Speyer, die im 10. Jahrhundert entstanden sind.
Öffentliche Führungen und kulturelle Entdeckungen
Um die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Mainz lebendig zu halten, werden öffentliche Führungen angeboten. Geographie für Alle e.V. hat Termine, darunter am Sonntag, 15. März 2026 um 14:30 Uhr und am Sonntag, 19. April 2026 um 14:30 Uhr. Die Buchung erfolgt über infogeographie-fuer-alle.de oder telefonisch unter 06131 3925 145.
Auch die Organisation mainzplus bietet Führungen an, mit Terminen wie dem 22. Februar 2026 um 14 Uhr und dem 29. März 2026 um 14 Uhr. Interessierte können sich unter gaestefuehrung@mainzplus.com oder telefonisch unter 06131 242-827 anmelden. Führungen in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sind ebenfalls geplant, einige davon sind sogar kostenfrei!
Die Region spielt eine zentrale Rolle in der Entwicklung des europäischen Judentums, trotz der wiederholten Pogrome. Die Geschichten, die diese Grabsteine erzählen, sind nicht nur Relikte der Vergangenheit, sondern auch Erinnerungen an die Resilienz und den Glauben der Menschen, die hier lebten. Es ist eine Einladung, die eigene Geschichte zu entdecken und die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.