Carl Wurster: Ein Platz zwischen Ehre und Schuld
Heute ist der 9.07.2026, und in Ludwigshafen am Rhein wird weiterhin über den Carl-Wurster-Platz diskutiert. Der Platz, benannt nach dem ehemaligen BASF-Vorstandschef, steht seit Juni im Fokus, nachdem die Linke einen Antrag auf Umbenennung gestellt hat. Im Zuge dessen gab es hitzige Debatten in mehreren Ausschüssen. Professor Carl Wurster, der als Ehrenbürger der Stadt gilt, ist der Namensgeber des Platzes, doch die Schatten seiner Vergangenheit werfen Fragen auf. Er soll in NS-Verbrechen verwickelt gewesen sein, was die Diskussion um seine Namensgebung befeuert.
Der Oberbürgermeister von Ludwigshafen, Blettner, hat den Antrag vorerst zurückgestellt. Hauptgrund dafür ist der hohe Verwaltungsaufwand, der mit einer Umbenennung neuer Straßennamen verbunden wäre. Während die Stadtverwaltung sich mit Bürokratie auseinandersetzt, bleibt die Schuldfrage um Wurster ungelöst. Historiker Stephan Lindner, der sich intensiv mit den IG-Farben-Prozessen in Nürnberg beschäftigt hat, betont, wie komplex die Beweisführungen waren. Diese erschweren klare Schuldzuweisungen und Verantwortlichkeiten. Wurster war Teil der 23 IG-Manager, die während der Nürnberger Prozesse angeklagt wurden. Dabei wurden sie unter anderem wegen Plünderung, Sklaverei und Ausbeutung von Zwangsarbeitern beschuldigt.
Die Nürnberger Prozesse im Blick
In diesen Prozessen wurden Wurster und neun weitere Manager in allen Anklagepunkten freigesprochen, teils aufgrund der Unschuldsvermutung. 13 ihrer Kollegen erhielten jedoch Haftstrafen zwischen anderthalb und acht Jahren. Interessanterweise stellte das Gericht fest, dass keiner der Angeklagten den Angriffskrieg geplant hatte. Sie wurden eher als Mitläufer im System angesehen, nicht als die entscheidenden Figuren, die die Gräueltaten zu verantworten hatten. So wurde auch der „Befehlsnotstand“ anerkannt, was die Diskussion um die erlittenen Strafen komplizierter macht.
Carl Wurster hatte während seiner Zeit bei IG Farben das Werk in Ludwigshafen geleitet, das für das Auschwitz-Werk verantwortlich war. Seine Verteidigung stützte sich auf die Behauptung, dass er gezwungen war, am Zwangsarbeiterprogramm teilzunehmen. Komischerweise ist das ein Argument, das auch für andere Manager galt. Laut den Verhandlungen erhielten einige, wie Fritz ter Meer und Hermann Schmitz, mildernde Umstände, während andere wie Walter Dürrfeld aus dem KZ Auschwitz entlassen wurden – ein schmaler Grat zwischen Schuld und Unschuld.
Ein Platz zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Der Carl-Wurster-Platz, umgeben von Bauzäunen und Zweckbauten, ist ein Ort, der an die BASF erinnert, doch er ist auch ein Symbol für die Auseinandersetzung mit einer dunklen Geschichte. Während die Stadt Ludwigshafen darüber nachdenkt, ob der Platz weiterhin nach Wurster benannt bleiben soll, bleibt die Frage nach der Verantwortung in der Vergangenheit präsent. Der Platz ist nicht nur ein geographischer Punkt, sondern auch ein gesellschaftlicher Diskursraum, der die Menschen dazu anregt, über Gerechtigkeit und Erinnern nachzudenken. Ob und wann eine Entscheidung über eine Umbenennung getroffen wird, bleibt abzuwarten. Die Diskussion ist noch lange nicht vorbei.
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