Am 8. Mai 1985, einem Datum, das für viele Deutsche mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verbunden ist, kündigte die Lokalzeitung „Trierischer Volksfreund“ eine Kundgebung auf dem Hauptmarkt in Trier an. Paul Wipper, ein Mann mit einer ganz besonderen Geschichte, stand als Redner auf der Bühne. Er war Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft Frieden“, die 1979 ins Leben gerufen worden war. Doch der Schein trügt oft. Wipper war eine zentrale Figur des Nationalsozialismus in der Region und trat bereits 1928 in die NSDAP ein. Seine Biografie ist eine komplexe Mischung aus Wandel und Kontinuität, die auch heute noch Fragen aufwirft.

Die AG Frieden, die Wippers Wandlung betont, hat jedoch seine NS-Vergangenheit nie wirklich thematisiert. In seinem Redebeitrag zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, in dem er zusammen mit Willi Torgau, einem ehemaligen KZ-Häftling, sprach, klang die Botschaft klar: „Nie wieder Krieg von deutschem Boden“. Doch was hinter dieser Aussage steht, bleibt fraglich. Wipper, der 1944 zum SS-Obersturmbannführer befördert wurde und an der Reichspogromnacht beteiligt war, stellte seine Vergangenheit in der Friedensbewegung nicht zur Diskussion. In seinen Gedichten und Veröffentlichungen fand sich kein Hinweis auf das, was er einmal war.

Ein Rundgang durch die Geschichte

Die „AG Frieden“ organisiert seit 1985 „Rundgänge gegen das Vergessen“, die auch Wipper thematisieren. Ein solcher Rundgang fand am 30. Oktober 2019 statt, bei dem 32 ZuhörerInnen am Augustinerhof vor dem Stadttheater zusammenkamen. Es war ein dreiköpfiges Team des Arbeitskreises „Trier im Nationalsozialismus“, das die Teilnehmer durch die dunklen Kapitel der Stadtgeschichte führte. Der erste Halt war das Rathaus, wo man über Hans Globke sprach, einen Mann, der in den 40er-Jahren fast Bürgermeister von Trier geworden wäre. Globke war Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze und ein weiteres Beispiel für die Verstrickungen der Stadt in die NS-Zeit.

Die Lebensgeschichte von Käthe Eiden, einer BDM-Führerin, wurde am Augustinerhof verlesen. Sie hatte persönliche Ausführungen für einen nationalsozialistischen Wettbewerb aus dem Jahr 1934 verfasst. Dass solche Figuren wie Wipper und Eiden Teil der Stadtgeschichte sind, lässt einen oft innehalten und über die Verflechtungen von Alltag und Geschichte nachdenken. Klaus Barbie, bekannt als „Schlächter von Lyon“, war ebenfalls Schüler in Trier und galt als einer der populärsten Täter des Rundgangs. Die Veranstaltung thematisierte nicht nur die Täter, sondern auch die Rolle von Zuschauern und einfachen Menschen im Nationalsozialismus. Es ist ein bisschen wie ein Schatten, der einen immer begleitet.

Die Frage der Entnazifizierung

Nach dem Krieg erlebte Deutschland eine Entnazifizierung, die jedoch oft als unzureichend und inkonsequent wahrgenommen wurde. Deutsche wurden in fünf Kategorien eingeteilt: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete. Über 3,6 Millionen Deutsche durchliefen das Verfahren, aber viele entgingen einer ernsthaften Bestrafung. Die Vorstellung, dass „die Kleinen gehängt und die Großen laufen gelassen“ wurden, ist nicht nur eine Floskel, sondern ein Ausdruck des Unmuts, den viele Menschen empfinden. Wipper, der sich selbst als Opfer sah und die Entnazifizierung kritisierte, lehnte eine NPD-Mitgliedschaft ab – was von einigen als Beleg für seinen Wandel gedeutet wurde.

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Die AG Frieden hat in der Vergangenheit immer wieder Verbindungen zu extremistischen Gruppen und Personen gehabt. So werfen die Ereignisse rund um Wipper und seine Rolle in der Friedensbewegung Fragen zur Sensibilität und Qualitätssicherung in der politischen Bildungsarbeit auf. Die Thematik ist komplex und gefühlt endlos verworren. Es ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, die nicht nur in Trier, sondern in vielen Teilen Deutschlands stattfindet.