In der kleinen Gemeinde Gonzerath, eingebettet im malerischen Hunsrück, könnte man meinen, die Zeit stünde still. Doch der Schein trügt. Ein Sonntagsspaziergang am Gasthof zur Linde offenbart eine neue Realität – die AfD hat hier Einzug gehalten, und zwar ganz konkret: Seit über einem Jahr wird das einst lebendige Wirtshaus von der Partei gemietet. Vor der Tür stehen Männer in blauen Anzügen, die sich freundlich unterhalten. Ein gewöhnlicher Anblick, könnte man denken, doch der Hintergrund ist alles andere als alltäglich.
Diese Strategie, sich in ländlichen Gebieten zu verankern, ist Teil des AfD-Programms, das bis 2029 ländliche Stützpunkte in jedem Wahlkreis in Rheinland-Pfalz etablieren will. Verlassene Gaststätten werden zu neuen Anlaufstellen umfunktioniert – nicht nur als Büros, sondern auch als Orte für Bürgerdialoge und Veranstaltungen. Man könnte fast meinen, die Partei möchte das Dorfleben zurückbringen, wie sie selbst betonen. Ein politischer Frühschoppen im März, organisiert vom Kreisverband Bernkastel-Wittlich, soll diese Bürgernähe unterstreichen.
Widerstand und Proteste
Doch nicht alle Bewohner von Gonzerath sind begeistert von dieser Entwicklung. Vor Weihnachten 2024 gab es Proteste gegen die AfD, organisiert vom Jugendverein, mit rund 250 Demonstrierenden, die klar ein Zeichen setzten. Besonders die jüngere Generation zeigt sich kritisch gegenüber der AfD-Präsenz. In der örtlichen Bäckerei äußert eine Einwohnerin ihre Ablehnung, und um dem Ganzen eine Stimme zu geben, wurde sogar ein WhatsApp-Kanal mit dem Namen „Gonzerath AfD Nein Danke“ ins Leben gerufen.
Der aktuelle Vermieter des Gasthofes, selbst AfD-Mitglied, steht unter Druck. Er klagt über die negativen Auswirkungen auf sein Geschäft und hat bereits die Kündigung an die Partei ausgesprochen. Das zeigt, wie tief der Widerstand im Dorf verankert ist. Christoph Steinmetz, der Ortsvorsteher, berichtet von Eskalationen während der Proteste und betont die lebendige Kultur im Dorf, die sich in Karnevalszügen und Chören widerspiegelt.
Strategische Überlegungen
Die AfD verfolgt mit ihrem Ansatz eine klare Strategie, die in einem internen Papier mit dem Titel „Die AfD erobert die Dörfer“ festgehalten ist. Die Maßnahmen zielen darauf ab, neue Mitglieder und Wählerinnen zu gewinnen. Dabei werden traditionelle Dorfkneipen und Weingüter übernommen, um Treffpunkte zu schaffen. Angebote wie Bratwurst und Bier, Seniorenkaffee oder Filmabende sollen die Menschen anlocken. Die Idee ist, keine klassischen AfD-Büros zu schaffen, um Neulinge nicht abzuschrecken.
Historisch betrachtet sind ländliche Räume besonders anfällig für völkische Gruppierungen des Rechtsextremismus. Hier ziehen oft demokratische Akteure zurück, während junge Menschen abwandern und die Bevölkerung altert. In diesen Kontexten greifen rechtsextreme Strategien besonders leicht. Die AfD nutzt das aus, indem sie versucht, sich in die Dorfgemeinschaft zu integrieren und Einfluss zu nehmen, oft durch vermeintlich harmlose Aktivitäten.
Auswirkungen auf die Dorfgemeinschaft
Der Einfluss der AfD auf das Vereinsleben, die Elterninitiativen und die Dorfgemeinschaft ist nicht zu unterschätzen. Häufig wird die menschenfeindliche Ideologie hinter einem Schleier von ehrenamtlichem Engagement und Anleihen aus dem Natur- und Umweltschutz verborgen. Das führt dazu, dass Menschen, die sich gegen diese Ideologie aussprechen, unter Druck geraten. In kleinen Gemeinden kann das zu sozialem Ausschluss, beruflichen Nachteilen oder gar Bedrohungen führen. Ein Klima der Einschüchterung entsteht, das die Verbreitung rechtsextremer Ideologien begünstigt.
Die beiden AfD-Politiker Damian Lohr und Sebastian Münzenmaier, die für das Projekt verantwortlich sind, wollen in Gauersheim aktiver werden und insbesondere junge Menschen ansprechen. Lohr war Vorsitzender der Jungen Alternative, während Münzenmaier eine Vorstrafe wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung hat. Mit solchen Persönlichkeiten an der Spitze ist der Widerstand in Gonzerath mehr als nur ein vorübergehendes Phänomen – er ist ein Zeichen für die Herausforderungen, die ländliche Gemeinden in der heutigen Zeit bewältigen müssen.