Es ist ein ganz normales Bild in Wesel, das sich abspielt: Onur Alici, 27 Jahre jung, sitzt in einem kleinen Restaurant auf dem Fusternberg, wo er als Aushilfe arbeitet. In seinem Kopf schwirren Zahlen und Formeln, denn Mathematik ist seine Leidenschaft. Nach dem Abitur am Weseler Berufskolleg hat er sich für ein Mathematik-Studium an der Uni Essen entschieden. Und das Beste? Er wird sein Masterstudium im Dezember 2025 mit einer beeindruckenden Note von 1,4 abschließen. Doch trotz dieser Leistung, die andere vielleicht als Schlüssel zum Erfolg sehen würden, ist Onur auf der Suche nach einem Job – und das gestaltet sich alles andere als einfach.

Die Realität, die er und viele seiner Kommilitonen erleben, ist frustrierend. Ein Vorstellungsgespräch bei einer großen Versicherung in Köln hat ihm zwar einen kleinen Funken Hoffnung gegeben, doch die Unsicherheit über das Ergebnis nagt an ihm. Praktikumsplätze? Fehlanzeige. Die Situation ist nicht nur für Onur schwierig, sondern auch für viele seiner Kommilitonen. Axel Plünnecke, ein Arbeitsmarktexperte vom Institut der deutschen Wirtschaft, hat die brenzlige Lage junger Akademiker bestätigt. Trotz des Fachkräftemangels in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sind die Einstiegsbedingungen alles andere als rosig.

Mangel an Fachkräften und große Lücken

Die MINT-Lücke in Deutschland ist alarmierend. Im März 2026 fehlten etwa 133.900 Fachkräfte in diesen Bereichen. Besonders betroffen sind die Energie- und Elektroberufe, die mit rund 57.800 offenen Stellen immer wieder in den Schlagzeilen stehen. Der Mangel an MINT-Fachkräften gefährdet nicht nur den Wohlstand, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Plünnecke spricht von einer Notwendigkeit, die Anstrengungen aller gesellschaftlichen Akteure zu bündeln, um diesem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Strategische Maßnahmen entlang der gesamten Bildungskette sind gefragt.

Ein großer Teil der MINT-Engpässe betrifft die MINT-Facharbeiterberufe, mit etwa 77.400 offenen Stellen, gefolgt von Expertenberufen und Spezialisten. Die Prognosen sind nicht gerade ermutigend: Bis 2034 wird demografiebedingt eine Abnahme von ca. 138.600 MINT-Beschäftigten erwartet. Und das alles passiert inmitten einer wirtschaftlichen Situation, die von Null-Wachstum und Krisen geprägt ist. Es ist kein Geheimnis, dass Unternehmen weniger bereit sind, in Deutschland zu investieren.

Alternative Wege und Perspektiven

Trotz dieser widrigen Umstände bleibt Onur optimistisch. Er hat bereits alternative Pläne geschmiedet. Ein Doktortitel in Hagen oder eine Lehrtätigkeit im Schuldienst stehen auf seiner Liste. Denn die Nachfrage nach Mathematikern ist da, besonders im Bildungsbereich. Plünnecke rät jungen Absolventen sogar, eine Lehrtätigkeit in Betracht zu ziehen, um dem Fachkräftemangel in den Schulen entgegenzuwirken. Doch für Onur bleibt die Gastronomie keine dauerhafte Option. Die Branche kämpft ebenfalls mit eigenen Herausforderungen.

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Die Situation in Deutschland ist komplex. Die MINT-Lücke, die in der Vergangenheit noch größer war, wird zwar in den Medien thematisiert, doch die Nachfrage nach Arbeitskräften sinkt. Die Bundesregierung hat ehrgeizige Ziele in den Bereichen Digitalisierung, Klimaschutz und Verteidigung, aber ohne ausreichend Fachkräfte wird es schwierig, diese zu erreichen. Der Fachkräftemangel könnte die Fortschritte in diesen wichtigen Bereichen gefährden. Und beim Blick auf die Geschlechterverteilung in MINT-Berufen wird klar, dass es noch viel zu tun gibt: Frauen sind in diesen Disziplinen nach wie vor unterrepräsentiert.

Onur Alici ist ein Beispiel für viele junge Akademiker, die mit hohen Erwartungen ins Berufsleben starten und dann mit der Realität konfrontiert werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Umstände bald verbessern – nicht nur für ihn, sondern für alle, die in den MINT-Bereichen eine Zukunft sehen.

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