In Bergneustadt ist etwas in Bewegung geraten, und das nicht nur im übertragenen Sinne! Der Stadtrat hat mit einer überwältigenden Mehrheit einen Beschluss gefasst, der die Schaffung eines muslimischen Gräberfeldes auf dem städtischen Friedhof vorsieht. Es wird oberhalb der Friedhofshalle entstehen und stellt einen bedeutenden Schritt in Richtung Integration und Anerkennung der muslimischen Gemeinschaft dar. 2024 hatte man sich bereits für dieses Vorhaben entschieden, doch Detailfragen wurden zunächst in einen Ausschuss verwiesen. Nun hat Prof. Dr. Thomas Lemmen die offenen Fragen klären können, was letztlich zur Entscheidung führte, einen Genehmigungsantrag beim Oberbergischen Kreis zu stellen.
Der Beschluss wurde mit 32 Ja-Stimmen gefasst, während die UWG mit einer Gegenstimme und die AfD mit zwei Enthaltungen nicht ganz mitziehen konnten. A propos Genehmigungen: Nach der Zustimmung durch den Kreis wird es notwendig sein, eine neue Friedhofssatzung zu erlassen, um die spezifischen muslimischen Riten zu berücksichtigen. Gräber müssen nach Osten, also in Richtung Mekka, ausgerichtet werden, und die Bestattungen erfolgen traditionell in Tüchern, ohne Sarg. Das Bestattungsgesetz in Nordrhein-Westfalen erlaubt diese sarglosen Bestattungen aus religiösen Gründen, wobei die Transporte der Verstorbenen jedoch in einem Sarg erfolgen müssen. Ob das für alle Beteiligten nachvollziehbar ist, bleibt abzuwarten.
Ein wachsender Bedarf
Interessanterweise hat Mehmet Pektas von der FWGB auf den wachsenden Bedarf an Bestattungsmöglichkeiten für Muslime in Bergneustadt hingewiesen. Das zeigt, dass die muslimische Gemeinschaft hier aktiv wächst und sich verstärkt mit Fragen der Bestattung auseinandersetzt. Viele Muslime in Deutschland träumen von einer Rückkehr in ihre alte Heimat nach dem Tod. Laut dem Zentralrat der Muslime ist es üblich, dass gläubige Muslime für ihre Beerdigung in das Herkunftsland ihrer Familie überführt werden. Diese Entscheidung ist besonders für ältere Muslime nicht leicht, da sie oft vor der Wahl stehen, ob sie bei den Eltern oder in der Nähe ihrer Kinder und Enkel begraben werden wollen. Ein Dilemma, das für viele eine bedeutende Integrationsfrage darstellt.
Bergneustadt ist also nicht allein in dieser Thematik. Muslimische Bestattungen auf deutschen Friedhöfen sind zunehmend verbreitet, und die Entscheidung, wo man seine letzte Ruhe findet, wird von vielen als Ausdruck einer gelungenen Integration betrachtet. Die Tatsache, dass viele Muslime Deutschland als ihre letzte Heimat ansehen, spricht Bände über die Integration der ersten Generation.
Tradition und Expertise
Die muslimischen Bestattungen folgen traditionellen Vorgaben: sarglos und ausgerichtet nach Mekka. Prof. Dr. Thomas Lemmen von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt und eine quantitative Erhebung durchgeführt. Rund 86 Prozent der über 300 Friedhofsverwaltungen mit islamischen Grabfeldern nehmen an dieser Erhebung teil. Das Ergebnis dieser Arbeit wird in der Expertise „Islamische Grabfelder und Bestattungen auf deutschen Friedhöfen“ zusammengefasst, die empirische Daten, historische Entwicklungen und viele interessante Einblicke in die Praktiken und Rituale bietet. Dr. Özgür Uludağ, der zu den religiösen Grundlagen und Abläufen islamischer Bestattungen geschrieben hat, hat zudem praktische Erfahrungen als Bestatter gesammelt.
Für alle, die tiefer in die Materie eintauchen möchten, gibt es die Möglichkeit, die AIWG-Expertise kostenlos herunterzuladen. Am 28. November 2023 wird außerdem ein Live-Talk mit den Autoren stattfinden. Das Thema ist brisant und wichtig, denn es geht nicht nur um Bestattungen, sondern auch um Identität, Tradition und die Brücken, die wir in einer vielfältigen Gesellschaft bauen müssen. Und das ist schließlich eine Herausforderung, die uns alle betrifft, egal wo wir herkommen.