Bildungschancen in Vietnam: Hoffnung und Herausforderungen für benachteiligte Familien
Es gibt Momente, in denen die Realität auf schmerzhafte Weise vor Augen geführt wird. In Ho-Chi-Minh-Stadt, einer pulsierenden Metropole Vietnams, kämpft die 42-jährige Le Thi My Phuong täglich, um ihre Familie über Wasser zu halten. Sie arbeitet als Kellnerin und Spülkraft, während sie gleichzeitig mit den Herausforderungen des Lebens als Analphabetin konfrontiert ist. Ihre verlorenen Ausweispapiere erschweren ihr die Suche nach einer festen Anstellung, was die Situation noch prekärer macht. Ihre Tochter, Le Tran Ngoc Vy, die 2016 geboren wurde, hat aufgrund von Armut und fehlenden Dokumenten bereits zwei Schuljahre verpasst. Doch es gibt Hoffnung: Ab dem kommenden Schuljahr kann sie nun endlich die dritte Klasse besuchen.
Die Kosten für Schulmaterialien sind jedoch ein weiteres großes Hindernis. Im Durchschnitt belaufen sich diese auf über 2 Millionen VND, ohne dass Schulgebühren einberechnet sind. Letztes Jahr gab es einen Lichtblick, als die Regierung die Studiengebühren und Krankenversicherungsbeiträge erließ. Auch die Kosten für Schulbücher werden künftig erlassen. Ab dem Schuljahr 2026/27 sollen kostenlose Schulbücher auf Leih- und Rückgabebasis zur Verfügung stehen. Dies ist besonders wichtig für Schüler aus benachteiligten Verhältnissen und ethnischen Minderheiten, die in Ho-Chi-Minh-Stadt stark vertreten sind.
Bildung als Schlüssel zur Veränderung
Das Bildungsministerium von Ho-Chi-Minh-Stadt hat ein Dokument veröffentlicht, um Meinungen zu diesem neuen Programm einzuholen. Im Rahmen der Initiative, die landesweit gilt, können auch Schüler in Weiterbildungs- und Alphabetisierungsprogrammen von den kostenlosen Schulbüchern profitieren. Das geplante Lehrbuchverleihprogramm, das ab den Klassenstufen 1, 6 und 10 eingeführt wird, soll bis 2029/30 auf alle Klassenstufen ausgeweitet werden. Es ist ein Schritt, der viele Migranten und einkommensschwache Mieter in der Stadt direkt unterstützen könnte.
Ein Beispiel dafür ist Tran Thi Giang, eine 32-jährige Mutter von zwei Grundschulkindern. Sie äußert sich über die Einsparungen, die durch die Befreiung von Schulbuchgebühren möglich geworden sind. Menschen wie sie, die täglich kämpfen, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, sind auf solche Hilfen angewiesen. Auch Frau Nguyen Thi Le Anh, die einen Wohltätigkeitsunterricht für benachteiligte Kinder leitet, sieht die Bedeutung solcher Initiativen. Lehrer Huynh Ngoc Sang unterstützt die kostenlose Bereitstellung von Schulbüchern als humanitäre Maßnahme und sieht darin eine Möglichkeit, Chancengleichheit zu fördern.
Die Herausforderung der Studienfinanzierung
Ein anderes Bild zeigt sich bei den Studierenden in Vietnam. Die 21-jährige Spring, die Internationale Beziehungen in Ho-Chi-Minh-Stadt studiert, muss bis zu 35 Stunden pro Woche arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren. Die jährlichen Studiengebühren liegen bei 60 Millionen VND, was etwa 2300 Euro entspricht – eine Summe, die für viele unerschwinglich ist. Unterstützung von der Familie ist für sie unerlässlich, um diese hohen Kosten zu decken. Bildung in Vietnam hat sich zunehmend zu einer privat finanzierten Angelegenheit entwickelt, was den Leistungsdruck enorm erhöht. Gute Noten können einen Rabatt von 10 % auf die Studiengebühren einbringen, doch für bedürftige Studierende reicht das oft nicht aus.
Die Liberalisierungspolitik der Kommunistischen Partei seit den 1980er Jahren hat eine wachsende Ungleichheit mit sich gebracht, und der Staat zieht sich mehr und mehr aus der Finanzierung des Bildungssektors zurück. Was bedeutet das für die Studierenden? Die Kosten für das Studium von Marxismus betragen mittlerweile 16 Millionen Dong, was etwa 600 Euro entspricht. In einer Zeit, in der das Interesse an Marxismus und Ho Chi Minh sinkt, liegt der Fokus der jungen Menschen mehr auf Geldverdienen und weniger auf Idealen.
Chancen und Herausforderungen
Die Realität sieht düster aus: Unter 50 % der Kinder aus ländlichen Gebieten und ein Drittel der Kinder aus den ärmsten Haushalten schließen die obere Sekundarstufe ab. Nur 10 % der Kinder mit Behinderungen besuchen die Sekundarschule, und bei Schülern aus ethnischen Minderheiten erreicht nur jeder Fünfte die obere Sekundarstufe oder höher. Bildungschancen sollten nicht von Geschlecht, Ethnie, Behinderung oder Einkommen abhängen – das ist eine grundlegende Forderung, die es zu erfüllen gilt. Schulen müssen sichere Orte für alle Kinder sein, ohne Mobbing oder Marginalisierung und mit einer besonderen Beachtung der psychischen Gesundheit von Jugendlichen, die oft übersehen wird. In Vietnam sind 20 % der Jugendlichen von psychischen Erkrankungen betroffen, aber nur 5 % der Eltern erkennen, dass ihre Kinder Hilfe benötigen.
Die Herausforderungen sind vielfältig und komplex. Doch inmitten all dieser Schwierigkeiten gibt es auch Hoffnung – durch Programme, die darauf abzielen, Bildung zugänglicher zu machen, und durch das Engagement von Menschen, die sich für die Rechte der Kinder einsetzen. Es bleibt zu hoffen, dass die Initiativen Früchte tragen und eine gerechtere Zukunft für alle Kinder in Vietnam ermöglichen.
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