Heute ist der 21.05.2026 und in Bielefeld gibt es einen ganz besonderen Film, der das Herz und die Seele des Publikums berühren könnte. Der Spielfilm „SHTTL“ entführt uns in das Leben eines jiddischsprachigen Schtetls, einer kleinen, aber lebendigen jüdischen Gemeinde an der Grenze zwischen der Ukraine und Polen. Es ist ein eindringliches Porträt eines Lebens, das in den Wirren der Geschichte beinahe ausgelöscht wurde.
Die Handlung spielt an einem entscheidenden Tag, kurz vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten in die Sowjetunion. Ein junger Filmemacher kehrt aus Kyjiw in sein Heimatdorf zurück, voller Träume und Hoffnungen. Doch seine Pläne, mit der großen Liebe seines Lebens durchzubrennen – die leider bereits einem anderen Mann versprochen ist – bringen das fragile Gleichgewicht der gesamten Gemeinde ins Wanken. Wie ein Sturm, der über einen stillen See fegt, droht diese Entscheidung, alles zu verändern.
Ein Schtetl im Wandel der Zeit
Es ist bemerkenswert, dass solche Dörfer, die einst von einer blühenden jüdischen Kultur geprägt waren, heute nicht mehr existieren. Schtetl, das jiddisch für „kleines Stadtviertel“ steht, waren Siedlungen mit einem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil und reichten von kleinen Dörfern bis hin zu Kleinstädten mit bis zu 20.000 Juden. Diese Gemeinschaften waren gekennzeichnet durch eine reiche Kultur, in der jiddisch die Alltagssprache war und religiöse Traditionen tief verwurzelt waren. Kinder lernten im Cheder, und das Leben war oft von harter Arbeit, aber auch von Gemeinschaftssinn geprägt.
Der Film „SHTTL“ zeigt eindrucksvoll einen Tag im Leben eines jüdisch-ukrainischen Dorfes, das kurz vor seiner Zerstörung steht. Für die Produktion wurde ein traditionelles Schtetl außerhalb von Kyjiw sorgfältig rekonstruiert, um die Atmosphäre dieser Zeit einzufangen. Leider wurde diese Kulisse im Zuge der russischen Invasion in die Ukraine im Jahr 2022 komplett zerstört. Es ist ein herber Verlust, der die Dringlichkeit des Themas noch verstärkt.
Gespräch und Reflexion
Nach der Filmvorführung findet ein Gespräch mit der ukrainischen Historikerin und Judaistin Vladyslava Moskalets statt. Diese Gelegenheit bietet den Zuschauern die Möglichkeit, tiefere Einblicke in die Schtetl-Kultur zu erhalten und über die historische Bedeutung solcher Gemeinschaften zu reflektieren. Der Film ist in Jiddisch mit englischen Untertiteln, was die Authentizität der Darstellungen unterstreicht und die Verbindung zur jiddischen Kultur lebendig hält.
Schtetl waren keine Ghettos, sondern autonome Gemeinschaften, in denen das alltägliche Leben trotz gelegentlicher Pogrome weitgehend akzeptiert war. Sie waren geprägt von einer sozialen Struktur, die oft von mittellosen Handwerkern, Kleinhändlern und Taglöhnern dominiert wurde. Auch wenn Armut und fehlende Infrastruktur an der Tagesordnung waren, blühte die Kultur und das Gemeinschaftsleben. Die Geschichte der Schtetl reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück, als Juden im Königreich Polen angesiedelt wurden, um religiöse und rechtliche Freiheiten zu genießen.
Die Schtetl-Kultur, die von Schriftstellern wie Scholem Alejchem und Samuel Agnon literarisch dokumentiert wurde, erlebte während der Shoah (1939-1945) eine nahezu vollständige Auslöschung. Was bleibt, sind Erinnerungen und die Geschichten, die erzählt werden müssen, damit die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät. Ein Film wie „SHTTL“ ist daher nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein wichtiger kultureller Beitrag zur Bewahrung dieser Erinnerungen.