Stell dir vor, es ist früh am Morgen, die Uhr zeigt 3:30 Uhr, und der Himmel ist noch in sanften Dämmerungsfarben gefärbt. In Beckdorf, einer kleinen Gemeinde in Deutschland, machen sich engagierte Ehrenamtliche bereit, um einer der verletzlichsten Kreaturen der Natur zu helfen – den Rehkitzen. Carola Hadler aus Buxtehude, ein bekanntes Gesicht in der Tierschutzszene, hat sich mit Drohnenpiloten, Jungjägern und weiteren Helfern versammelt, um die Wiesen vor dem Mähen abzusuchen. Ihr Ziel? 40 bis 50 Hektar unberührte Natur zu durchleuchten, in der sich die kleinen Rehe verstecken.
Diese Kitzrettung ist nicht nur eine flüchtige Aktion; sie ist eine Herzensangelegenheit. Seit vier Jahren ist Carola aktiv bei der Jägerschaft Stade, und ihr Engagement ist unermüdlich. Sie weiß nur zu gut, dass viele Spaziergänger und Hundehalter aus Unkenntnis ihre vierbeinigen Freunde frei herumlaufen lassen, was oft fatale Folgen für die schutzbedürftigen Kitze hat. In den ersten Lebenswochen haben Rehkitze keinen Eigengeruch und drücken sich im hohen Gras zusammen, um sich vor Gefahren zu verstecken. Das macht sie zu perfekten Opfern für landwirtschaftliche Maschinen, die während der Mahd durch die Wiesen brausen.
Die Technik der Kitzrettung
Moderne Kitzrettung nutzt die Technik des 21. Jahrhunderts: Wärmebilddrohnen. Diese fliegen frühmorgens über die Felder, und die Körperwärme der Rehkitze zeigt sich auf den Bildschirmen der Drohnen als helle Punkte. Nach der Entdeckung eines Kitze wird es vorsichtig mit Einmalhandschuhen aufgenommen und in einen Korb gelegt, der mit Gras gepolstert ist. Die Körbe sind sicher verschlossen, bis die Mahd abgeschlossen ist. Diese Methode ist nicht nur effektiv, sondern auch absolut notwendig, denn ohne sie würden tausende Jungtiere jährlich der Mahd zum Opfer fallen.
Die Helfer, die oft direkt nach dem Einsatz mit ihrem regulären Job weitermachen, arbeiten vollkommen ehrenamtlich. Ihre Leidenschaft und ihr Einsatz sind unbezahlbar. Die Finanzierung dieser Aktivitäten erfolgt überwiegend durch Spenden von Landwirten und Privatpersonen, die den Wert dieser Arbeit erkennen. Die Jägerschaft Stade, zu der etwa 60 Mitglieder gehören, unterstützt diese Initiativen und hat vier Drohnenpiloten in ihren Reihen.
Die Herausforderung der Kitzrettung
Der Zeitdruck ist enorm. Mit jeder Minute, die die Sonne höher steigt, wird die Identifizierung der Tiere schwieriger. Und das ist nicht nur ein Problem für die Helfer; es geht um Leben und Tod. Ohne organisierte Hilfe entstehen nicht nur schwere Verletzungen der Tiere, sondern auch unnötiges Tierleid. Die psychische Belastung für die Landwirte, die sich um ihre Felder kümmern, ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Sie wollen ihre Arbeit tun, aber gleichzeitig auch sicherstellen, dass die Tierwelt geschützt ist.
Die Kitzrettung ist ein Paradebeispiel für die notwendige Zusammenarbeit zwischen Landwirten, Jägern und engagierten Helfern. Ein Netzwerk von Unterstützern ist entscheidend für eine flächendeckende, professionelle und nachhaltige Hilfe. In vielen Regionen wird die Rehkitzrettung aktiv gefördert, denn sie bewegt sich im Spannungsfeld von Tierschutzgesetz, Jagdrecht und landwirtschaftlichen Vorschriften.
Aufruf zur Unterstützung
Die Rehkitzsaison, die in der Regel von Mai bis Juli dauert, steht vor der Tür – ein Aufruf an alle, die sich engagieren möchten! Die Nachfrage nach Wärmebilddrohnen und engagierten Helfern wächst, während das Equipment oft kostenintensiv ist. Es braucht mehr Menschen, die bereit sind, sich zu melden, die Technik bereitzustellen oder einfach nur zu spenden. Der Deutsche Tierschutzbund und Initiativen wie „Wir retten Rehkitze“ setzen sich dafür ein, dass die Kitzrettung selbstverständlich wird. Und das ist nicht nur ein schöner Gedanke, sondern ein notwendiger Schritt, um das Leben dieser kleinen Geschöpfe zu schützen.
Wenn du mehr über die Rehkitzrettung erfahren oder selbst aktiv werden möchtest, findest du Informationen bei regionalen Initiativen oder auf der Website von „Wir retten Rehkitze e.V.“. Gemeinsam können wir viel bewegen und dafür sorgen, dass diese wichtige Arbeit fortgesetzt werden kann. Denn was gibt es Schöneres, als das Leben der Tiere zu schützen, die uns so viel Freude bereiten?