In der Dombibliothek Hildesheim fand kürzlich eine bemerkenswerte Lesung und Diskussion mit der Theologin Annette Jantzen statt, die über 160 Gäste anzog. Es war ein Abend, der nicht nur durch die Anwesenheit zahlreicher Interessierter glänzte, sondern auch durch ein Thema, das für viele von uns ein echtes Augenöffner-Erlebnis war. Jantzen, die sich intensiv mit der katholischen Leseordnung in Gottesdiensten auseinandergesetzt hat, sprach über ihren Blog „Gottes Wort weiblich gelesen“ und die damit verbundenen Herausforderungen. Die Leseordnung, die von einer ausschließlich männlichen vatikanischen Kommission erstellt wurde, lässt viele Geschichten bedeutender Frauen in der Bibel unberücksichtigt. Ganz konkret, von den 60 Frauen, die im Alten Testament eigene Geschichten erzählen, finden nur vier in der dreijährigen Leseordnung Platz. Komisch, oder?

Das ist nicht nur eine kleine Ungerechtigkeit, sondern auch ein symptomatisches Beispiel dafür, wie die Sichtbarkeit weiblicher Glaubenszeugnisse systematisch beeinträchtigt wird. Jantzen kritisierte, dass die Kürzungen bei Texten über Frauen oft ein negatives Bild hinterlassen, während Männergeschichten in der Regel positiver wahrgenommen werden. Pfarrer Matthias Eggers, der ebenfalls an der Veranstaltung teilnahm, bezeichnete die Leseordnung sogar als strukturell frauenfeindlich. Hier wird deutlich, dass die Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche nicht nur ein Randthema ist, sondern ein zentrales Anliegen für viele Gläubige darstellt.

Ein Abend voller Erkenntnisse

Ein besonderes Augenmerk legte Jantzen auf die Auswirkungen dieser Kürzungen. Sie stellte fest, dass essentielle Passagen, die wichtige Glaubenszeugnisse enthalten, oft fehlen. Ein eindrückliches Beispiel ist die Geschichte der Sklavin Hagar, die in ihrer Verzweiflung einen Namen Gottes ruft: „El-Roi – Gott schaut auf mich“. Diese Botschaft könnte so viel für die Menschen bedeuten, doch sie bleibt im Schatten der offiziellen Leseordnung. Generalvikar Klaus Pfeffer äußerte sich beeindruckt über Jantzens Erkenntnisse und bezeichnete sie als „Augenöffner“. Es scheint, als ob hier ein echtes Bedürfnis nach Veränderung besteht.

Die Veranstaltung hatte das Ziel, Lektorinnen und Lektoren ein neues Selbstbewusstsein im Umgang mit der Schrift zu verleihen. Jantzen ermutigte die Anwesenden, biblische Texte in ihrer Ganzheit vorzulesen und nicht an Versgrenzen haltzumachen. Ein Aufruf, der nicht nur für den Gottesdienst relevant ist, sondern auch für die persönliche Auseinandersetzung mit den heiligen Schriften. Wer weiß, vielleicht entdeckt man dabei ganz neue Perspektiven.

Alternative Ansätze zur Sichtbarkeit

Es ist ermutigend zu sehen, dass Initiativen wie die Frauenkommission der Diözese Linz eine Plattform zur Stärkung von Frauen in ihrer Autonomie bieten. Auch in der Schweiz gibt es mit der Plattform Gleichwuerdig eine alternative Frauenleseordnung, die den Stimmen der Frauen mehr Gehör verschaffen möchte. In Anbetracht der Tatsache, dass ein Drittel der gesamten Bibel in der katholischen Leseordnung behandelt wird, wobei rund 36.000 Verse auf etwa 12.000 Verse gekürzt wurden, ist der Handlungsbedarf klar. Die Kürzungen sind nicht nur eine Frage der Textlänge, sondern werfen auch die Frage auf, wessen Geschichten wirklich erzählt werden und wessen Glaubenszeugnisse in den Hintergrund gedrängt werden.

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Jantzen, die Jahrgang 1978 ist und als Theologin, Autorin sowie Frauenseelsorgerin im Bistum Aachen tätig ist, hat mit ihrem Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel“ im Herder-Verlag einen weiteren Beitrag zur Diskussion geleistet. Sie fordert dazu auf, verschiedene Bibel-Übersetzungen zu vergleichen, um einen besseren Zugang zu den Texten zu gewinnen. Ein kluger Rat, der vielleicht auch dafür sorgt, dass wir die Stimmen der Frauen besser hören können, die über Jahrhunderte hinweg im Schatten standen. Es bleibt spannend, wie sich dieser Dialog in der Zukunft entwickeln wird.

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