In Harburg sind die Wogen hochgeschlagen, denn die Bezirksversammlung hat es geschafft, die Umbenennung des Albert-Schäfer-Wegs und der Gaiserstraße zu blockieren. Dieser Schritt, oder besser gesagt das Nicht-Handeln, wurde von der CDU, der AfD, der FDP und einigen fraktionslosen SPD-Abgeordneten erwirkt. Letztere, ein Resultat interner Konflikte und Ausschlüsse innerhalb der SPD, haben sich hier offenbar auf die Seite der Blockade geschlagen. Die Grünen, die Linke und auch die SPD selbst haben den Antrag zur Umbenennung eingebracht, gestützt auf den Abschlussbericht „Koloniales Harburg“ von den Historikern Annika Bärwald und Yves Schmitz. Ein Bericht, der nicht nur die Geschichte aufrollt, sondern auch die schmerzhaften Verstrickungen in Kolonialismus und Nationalsozialismus beleuchtet.

Der Albert-Schäfer-Weg wurde nach einem Mann benannt, der zwar als Vorstandsvorsitzender der Phoenix-Werke bekannt war, aber auch von Zwangsarbeit und der „Arisierung“ profitierte. Diese Werke waren nicht nur ein bedeutender Arbeitgeber in Harburg, sie haben auch die wirtschaftliche und soziale Struktur der Region stark geprägt. Der Antrag zur Umbenennung sieht vor, den Weg in Max-Goldschmidt-Weg zu benennen und mit einer Informationstafel zu versehen, die den historischen Hintergrund erklärt. Aber auch die Gaiserstraße, benannt nach Gottlieb Leonhard Gaiser, einem Akteur in der kolonialen Wirtschaft Westafrikas, steht im Fokus. Gaiser wird oft als Wohltäter dargestellt, doch die Expertenkommission hebt seine Rolle in der wirtschaftlichen Abhängigkeit klar hervor.

Blockade und ihre Folgen

Die Blockade dieser Umbenennungen wird von den Grünen und der Linken scharf kritisiert. Enja Knipper von den Grünen und Heiko Langanke von der Linksfraktion haben ihre Empörung offenbart. Langanke spricht von einem geschichtspolitischen Offenbarungseid, und die Forderung nach einer ehrlichen Aufarbeitung der Vergangenheit wird laut. Simon Dhemija von der Linksfraktion meint, die Debatte über Harburgs koloniales Erbe müsse auf jeden Fall fortgesetzt werden – ganz egal, was die Blockierer denken. Denn die Diskussion über koloniale Vergangenheit ist nicht nur ein lokales Thema, sondern ein vielschichtiger Diskurs, der bis in die Gegenwart reicht.

Die deutsche Kolonialzeit, die vor über 100 Jahren endete, ist ein Erbe, das nicht nur in den ehemals besetzten Gebieten, sondern auch hierzulande immer noch sichtbar ist. Seit der Jahrtausendwende wird zunehmend über die Verbrechen dieser Zeit diskutiert. Es ist eine Debatte, die lange Zeit im Schatten der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs stand. Staatsministerin Michelle Müntefering hat 2020 darauf hingewiesen, dass die deutsche Kolonialzeit oft verharmlost wurde. In den letzten Jahren sind zwar einige Straßen und Plätze umbenannt worden, doch der Prozess ist schleppend. In Köln werden beispielsweise seit 2021 Straßennamen auf koloniale und nazistische Bezüge geprüft, aber bisher wurden lediglich drei Straßen umbenannt.

Ein Blick über die Grenzen hinaus

Die Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Auch andere europäische Länder sind dabei, ihre kolonialen Verstrickungen zu thematisieren. Während Großbritannien 2013 Bedauern über das Massaker von Amritsar ausdrückte und 5.000 Kenianer entschädigt wurden, hat Belgien Statuen von Kolonialisten entfernt. In Deutschland hingegen bleibt die öffentliche Diskussion oft auf den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs fokussiert. Doch der Dialog über koloniales Unrecht ist wichtig, um nicht-eurozentrische Perspektiven zu gewinnen und die Kontinuitäten zu überwinden.

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Das Auswärtige Amt hat die Verantwortung, die koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten. Es unterstützt wissenschaftliche Forschung und fördert den Dialog mit betroffenen Ländern. Bundespräsident Steinmeier bat erst kürzlich um Verzeihung für die deutschen Kolonialverbrechen in Tansania. Gleichzeitig betont die Bundesregierung die Notwendigkeit einer ehrlichen Aufarbeitung, die auch die Rückgabe kultureller Objekte und menschlicher Überreste umfasst. Ein Beispiel dafür sind die Benin-Bronzen, die 2022 an Nigeria zurückgegeben wurden. Die Diskussion um die Rückgabe wirft nicht nur Fragen zur Zuständigkeit auf, sondern auch zur Verantwortung gegenüber den Ursprungsländern.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte bleibt ein zentrales Thema, und in Harburg wird diese Diskussion nun auf eine neue Ebene gehoben. Die Blockade der Umbenennungen könnte als Anstoß dienen, um den Dialog über die koloniale Vergangenheit und deren Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft weiter voranzutreiben. Es ist an der Zeit, auch lokal ehrlich hinzusehen und den Mut zu zeigen, sich der Geschichte zu stellen. Die Stimmen der Kritiker sind laut, und sie verlangen eine ehrliche Aufarbeitung – nicht nur in Harburg, sondern überall.

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