In Göttingen, einer Stadt, die für ihre Vielfalt und Toleranz bekannt ist, kochen die Gemüter. Über die letzten Monate hat sich ein Schatten über die bunten Straßen gelegt. Trotz der relativ seltenen öffentlichen Präsenz von Rechtsextremisten sind die Hinweise auf neonazistische Aktivitäten alarmierend. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, am 3. Juni 2026, wurden am Albaniplatz, wo die Regenbogentreppe prangt, die Farben der Deutschlandflagge aufgetragen – und das in begleitender Form von rechten Parolen und Codes. Ein mutiger Angriff auf die Werte, die diese Stadt eigentlich verkörpern sollte.
Die Regenbogentreppe wurde erst im August 2023 von einem lokalen Bündnis für den Christopher-Street-Day (CSD) umgestaltet, um ein Zeichen für queere Sichtbarkeit und Diversität zu setzen. Diese Umgestaltung wurde von vielen als Schritt in die richtige Richtung gefeiert – ein Symbol der Hoffnung und des Zusammenhalts. Doch nun steht sie im Zeichen von Zerstörung. Die Göttinger Grünen haben das Übersprühen als gezielten Angriff auf queere Werte bewertet. Und das ist nicht alles: Eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Bücherverbrennung, die am 10. Mai 1984 angebracht wurde, wurde ebenfalls unleserlich gemacht. Diese Tafel erinnert an die Gräueltaten der Nationalsozialisten – und umso tragischer ist es, dass sie nun ebenfalls Ziel solcher Angriffe ist.
Ein besorgniserregender Trend
Die Berichte über neonazistische Angriffe häufen sich. Jannick Scherer von den Göttinger Grünen bringt es auf den Punkt: Rechtsextreme versuchen, die Stadt zurückzuerobern. Üble Angriffe auf queere Menschen, körperliche Übergriffe auf Parteimitglieder und die Beschädigung von Stolpersteinen sind nur einige der Vorfälle, die in den letzten Monaten die Runde gemacht haben. Am 16. August 2025 wurden Teilnehmer eines Straßenfestes mit Feuerwerkskörpern beworfen, und erst vor Kurzem wurden Hakenkreuze an die Kneipe „Dots“ angebracht. Diese Taten sind kein Einzelfall, sondern Teil eines besorgniserregenden Trends, der sich in Deutschland zeigt.
2023 wurden bundesweit 1.785 queerfeindliche Straftaten erfasst, ein Anstieg von fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die häufigsten Vergehen sind Beleidigungen, Gewalttaten und Nötigungen. Innenministerin Nancy Faeser hat sich besorgt über diese Zunahme geäußert und fordert eine konsequente Verfolgung solcher Taten. In Göttingen ist das Anliegen klar: Oberbürgermeisterin Petra Broistedt (SPD) hat die rechtsextrem motivierten Angriffe scharf verurteilt und angekündigt, dass die Stadt Anzeige gegen Unbekannt erstatten wird.
Gemeinsam gegen Hass
Die Schüler des Max-Planck-Gymnasiums reagierten umgehend auf die Übermalung der Regenbogentreppe. Sie haben die nationalistischen Farben zurückübermalt und damit ein starkes Zeichen gesetzt. Ihre Tat ist ein mutiger Schritt, um die Werte der Toleranz und Vielfalt, für die Göttingen steht, zu verteidigen. Die Stadt plant, die verbliebenen Schmierereien schnellstmöglich zu entfernen und die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen. Zeugen, die Hinweise zu dem Vorfall geben können, sind herzlich eingeladen, sich zu melden.
Der Pride Month, der im Juni gefeiert wird, steht vor der Tür und wird in diesem Jahr umso wichtiger sein. Er soll nicht nur die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt feiern, sondern auch als Mahnung dienen, dass jeder Mensch das Recht auf Respekt und Sicherheit hat. Göttingen, eine Stadt, die für ihre lebendige Erinnerungskultur und den Einsatz für Menschenwürde bekannt ist, muss sich jetzt zusammentun, um diesen Angriffen entgegenzutreten. Nur gemeinsam kann der Stadtgeist, der Vielfalt und Toleranz repräsentiert, weiterleben.