Am 22. April hat der Seniorenbeirat der Stadt Jever einen Infoabend veranstaltet, der ganz im Zeichen von Sterben und Sterbehilfe stand. Eine Veranstaltung, die nicht nur informativ, sondern auch unglaublich wichtig war – gerade in einer Gesellschaft, in der das Thema oft im Dunkeln bleibt. Die Veranstaltung diente als Begleitprogramm für das Theaterstück „Nacht, Mutter“ der Landesbühne Nord und bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich mit komplexen Fragen rund um den Tod auseinanderzusetzen. Referenten wie Ingo Reichenbächer, ein erfahrener Sozialpädagoge, und Konrad Lappe vom Seniorenbeirat führten durch den Abend und beleuchteten die verschiedenen Facetten des Themas.
Eine der zentralen Botschaften von Lappe war, dass in Deutschland jährlich rund eine Million Menschen sterben, wobei etwa 100.000 Suizidversuche verzeichnet werden und rund 10.000 Menschen durch Suizid ihr Leben verlieren. Diese Zahlen sind erschreckend und zeigen, wie dringend wir über Hilfe und Prävention sprechen müssen. Es wird auch prognostiziert, dass die Zahl der assistierten Selbsttötungen bis 2025 auf 1.500 bis 2.000 ansteigen könnte. Reichenbächer machte deutlich, dass viele Überlebende von Suizidversuchen später froh sind, dass sie nicht erfolgreich waren. Ein wichtiger Punkt, denn etwa 96 Prozent dieser Versuche stehen in direktem Zusammenhang mit Depressionen oder anderen psychischen Krisen.
Risiken und Herausforderungen im Alter
Die Einsamkeit, so wurde betont, ist ein zentraler Risikofaktor, insbesondere für ältere Menschen. Die Übergangsphasen im Leben, sei es der Eintritt in den Ruhestand oder der Verlust eines Partners, können oft Auslöser für psychische Krisen sein. Ingo Reichenbächer hob hervor, dass schwere Depressionen in den meisten Fällen gut behandelbar sind. Das lässt hoffen! Doch trotz der guten hospizlichen Angebote bleibt das Interesse an Sterbehilfe groß, was zeigt, dass viele Menschen sich mit dem Gedanken tragen, das Ende ihres Lebens selbstbestimmt zu gestalten.
Konrad Lappe berichtete auch über die Hospizarbeit und die Palliativversorgung im Landkreis Friesland. Der freiwillige Verzicht auf Essen und Trinken (FVET) kann als letzter Weg am Lebensende gewählt werden, sofern dies in einer Patientenverfügung festgehalten ist. Die rechtliche Entwicklung in Deutschland ist dabei ebenso wichtig: 2015 wurde Paragraf 217 des Strafgesetzbuchs eingeführt, der die „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“ unter Strafe stellte. Ein einschneidendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts am 26. Februar 2020 erklärte diesen Paragrafen jedoch für nichtig und bestätigte das Recht auf selbstbestimmtes Sterben.
Der Weg zur Sterbehilfe
Die Diskussion über Sterbehilfe ist komplex. Der Sterbewunsch muss aus freiem Willen geäußert werden, ohne Einfluss Dritter und ohne akute psychische Störung. Es muss eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Alternativen erfolgen, und der Wunsch muss stabil sein. Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) bietet Suizidassistenz an und vermittelt an regionale Sterbehilfeteams. Der Ablauf einer Freitodassistenz umfasst mehrere Schritte: Antrag, Vorprüfung, juristisches und medizinisches Vorgespräch und schließlich der Assistenzprozess selbst. Dabei kommt es zu einem medizinischen Ablauf, der das Legen eines Venenzugangs und die Bestätigung des Sterbewunsches durch die sterbewillige Person beinhaltet. Nach dem Tod wird die Polizei informiert, da es sich um einen nicht natürlichen Tod handelt.
Es ist spannend zu beobachten, wie sich die gesellschaftliche Sichtweise auf das Thema Sterben und Sterbehilfe wandelt. Kritiker warnen davor, dass Sterbehilfe keine „normale“ Option am Lebensende werden dürfe, während Befürworter sie als Teil der Selbstbestimmung sehen. Diese Debatten sind notwendig, um einen respektvollen und menschlichen Umgang mit dem Lebensende zu fördern. Der Infoabend in Jever war ein kleiner, aber wichtiger Schritt in diese Richtung und hat dazu beigetragen, dass das Thema aus der Tabuzone heraustritt. Ein Gespräch über das, was viele in ihrem Inneren bewegt – und das ist, ehrlich gesagt, mehr als nur ein Thema für den Abend.