Am 1. Mai 2026 fand in Korbach eine eindrucksvolle Kundgebung unter dem Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ statt. Organisiert vom DGB-Kreisverband Waldeck-Frankenberg, versammelten sich rund 230 Teilnehmer, um gegen die geplanten Änderungen am Arbeitszeitgesetz zu demonstrieren. Der Unmut über die Forderung nach einer Stunde Mehrarbeit war spürbar, insbesondere durch die kritischen Worte von Markus Sommer, einem Vertreter der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Er wies darauf hin, dass solche Forderungen nicht nur die Lebensqualität der Arbeitnehmer gefährden, sondern auch auf bereits lange Dienstpläne und unzureichende Ruhepausen verweisen.
Martin Spengler, stellvertretender DGB-Kreisverbandsvorsitzender, beleuchtete die aktuelle wirtschaftliche Situation in Deutschland aus einer kritischen Perspektive. Er nannte mehrere externe Faktoren, die zur aktuellen Krise beitragen, darunter den russischen Angriff auf die Ukraine, die US-Zollpolitik, die subventionierte chinesische Wirtschaft und den Krieg im Iran. Seine fünf Thesen fassen die Kernanliegen der Veranstaltung zusammen:
- Die wirtschaftliche Krise ist nicht von den Beschäftigten verursacht.
- Zu viel Arbeit bei mangelndem Respekt ist das Problem, nicht zu wenig Arbeit.
- Verlängerte Arbeitszeiten schaden der Gesellschaft, Familien und der demokratischen Teilhabe.
- Gute Arbeitszeiten entstehen durch starke Tarifverträge und betriebliche Mitbestimmung.
- Sozialer Zusammenhalt, gute Arbeit und Demokratie sind untrennbar verbunden.
Die Forderungen der Gewerkschaften
Die Kundgebung brachte nicht nur die Sorgen der Arbeitnehmer zum Ausdruck, sondern auch die konkreten Forderungen verschiedener Gewerkschaften. Die EVG setzt sich für einen besseren Schutz von Bus- und Bahnfahrern ein, während die IG Metall Menschlichkeit in der Arbeitswelt fordert. Auch die GEW verlangt mehr Geld für die Bildung, um die Qualität im Bildungswesen zu sichern. Ein Kinderprogramm und musikalische Darbietungen von der SMO-Band der Musikschule Korbach rundeten das Event ab und sorgten für eine ausgelassene Stimmung.
Die Teilnehmer äußerten durchweg Zustimmung zu den Rednern, insbesondere zu den Themen Arbeitszeit und Gehälter. Kritische Stimmen wurden laut, als es um die Gehaltserhöhungen von Führungskräften im Vergleich zu den Löhnen der Angestellten ging. Der Wunsch nach einer Rückkehr zu klaren Arbeitszeitgrenzen ist in der Bevölkerung stark ausgeprägt: Laut einer Umfrage lehnen 72 Prozent der Beschäftigten eine Ausweitung der täglichen Höchstarbeitszeit ab, 98 Prozent möchten weniger als zehn Stunden täglich arbeiten und 95 Prozent wünschen sich, spätestens um 18 Uhr Feierabend zu machen.
Der aktuelle Kontext der Arbeitszeitgesetz-Debatte
Die Proteste in Korbach sind Teil eines größeren Trends, der sich in Deutschland abzeichnet. Gewerkschaften drohen mit weiteren Protesten und Streiks gegen die Pläne der Bundesregierung zur Änderung des Arbeitszeitgesetzes. Frank Werneke, der Bundesvorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, hat betont, dass sie bereit sind, für den Erhalt des Arbeitszeitgesetzes zu kämpfen. Das Bundeswirtschaftsministerium hingegen strebt eine Flexibilisierung des Gesetzes an, um den Tourismus zu stärken, was auf Widerstand stößt.
Aktuell ist die Arbeitszeit in Deutschland auf acht Stunden pro Tag begrenzt, mit Ausnahmefällen bis zu zehn Stunden. Robert Feiger, Bundesvorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, warnt vor den negativen Auswirkungen solcher Änderungen, insbesondere für Beschäftigte ohne Tarifbindung. Die Arbeitszeitexpertin Yvonne Lott vom WSI hebt die gesundheitlichen Risiken und die Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch längere Arbeitszeiten hervor. Der DGB lehnt eine Umstellung von täglicher auf wöchentliche Höchstarbeitszeit entschieden ab und fordert einen klaren Schutz der Arbeitnehmerrechte.
Die heutige Kundgebung in Korbach stellt damit nicht nur eine lokale Demonstration dar, sondern ist Teil eines landesweiten Widerstands gegen eine Politik, die viele Beschäftigte als Bedrohung für ihre Lebensqualität empfinden. Die Stimmen der Arbeitnehmer müssen gehört werden, um den sozialen Zusammenhalt und die demokratische Teilhabe in Deutschland zu wahren.