Wenn man durch die sanften Hügel und Wälder des Waldecker Landes wandert, kann man sich leicht in die Geschichten und Legenden, die diese Landschaft durchdringen, verlieren. Eine dieser faszinierenden Erzählungen ist die Sage von „De wisse Dame“ – die weiße Dame – die aus der Region um Nieder-Werbe stammt. Diese Sage wird in der WLZ-Serie „Mythen und Sagen“ lebendig erzählt und hat ihre Wurzeln in den Erlebnissen eines angesehenen Mannes aus dem Ort, der auf seinem Heimweg eine geheimnisvolle Gestalt erblickt. Es ist ein Stück Lokalkolorit, das die Verbindung von Wirklichkeit und Mythos eindrucksvoll zeigt.

In der kleinen Gemeinde Nieder-Werbe, wo die alte Kirche gegenüber dem Wohnhaus der Familie Gerlach stand, hat der Lehrer und Heimatschriftsteller Christian Fleischhauer diese Sage dokumentiert. 1913 brachte er das Buch „Sperrgebiet – kulturhistorische Bilder aus dem waldeckischen Teil der Edertalsperre“ heraus, in dem er die Geschichten von der Finckenburg und der Hengstwiese festhielt, die auf Berichten des Fürstenberger Lehrers Söhne basieren. Dieser wurde 1864 in Waldeck geboren und hat damit einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung dieser Erzählungen geleistet.

Die Geschichte der weißen Dame

Die Sage selbst erzählt von einem respektierten Mann aus Nieder-Werbe, der seinen Freund bis zum Hammer begleitet, wo dieser sich auf den Weg in die Ferne macht. Auf dem Rückweg sieht unser Protagonist plötzlich eine weiße Gestalt, die er für die Magd eines Bekannten hält. Als er ruft, bleibt die Gestalt stumm und verschwindet dann auf mysteriöse Weise. Dieses unerklärliche Erlebnis hat Christian Fleischhauer in seinem Werk festgehalten, und es ist nicht schwer zu verstehen, warum solche Geschichten auch heute noch im Gedächtnis der Menschen bleiben.

In den 1920er Jahren, genauer gesagt 1926, veröffentlichte Fleischhauer ein weiteres bemerkenswertes Buch: „Die Mundarten im Kreise der Eder“. Hier wird die Sage im Nieder-Werber Dialekt wiedergegeben – ein lebendiger Ausdruck der regionalen Kultur und Identität. Die Erzählungen sind ein wertvoller Teil des Erbes dieser Gegend, die schon lange vor der ersten schriftlichen Erwähnung im Jahr 1196, als Nieder-Werbe als „inferiori Werphe“ in einer Urkunde des Erzbistums Mainz erwähnt wurde, besiedelt war.

Der Einfluss der Edertalsperre

Ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte dieser Region war der Bau der Edertalsperre zwischen 1908 und 1914. Die Sperrmauer, die damals der größte Staudamm Europas war, führte zur Überflutung vieler Orte, darunter auch das einst lebendige Nieder-Werbe mit etwa 360 Einwohnern und einer Gemarkung von 645 Hektar. Die alte Kirche und zehn Höfe mussten der Flut weichen, was das Ende einer Ära für die Dorfgemeinschaft bedeutete. Der Edersee, der aus diesem Bauwerk hervorging, ist nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern hat auch den Fremdenverkehr zum wichtigsten Wirtschaftszweig des Ortes gemacht. Jährlich strömen Hunderttausende Besucher zu diesem beeindruckenden Bauwerk.

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Die Edertalsperre, die mit 620 Megawatt Leistung das drittgrößte Wasserkraftwerk ihrer Art in Deutschland beherbergt, ist ein beeindruckendes Beispiel für menschliche Ingenieurskunst. Bei ihrer Eröffnung war sie ein bedeutendes Bauwerk, dessen Fertigstellung 1914 durch den Ersten Weltkrieg jedoch nicht im festlichen Rahmen gefeiert werden konnte. Heute ist die Staumauer mit einer Höhe von 48 Metern und einer Länge von 400 Metern nicht nur ein technisches Denkmal, sondern auch ein Ort der Erholung und des Naturschutzes. Der angrenzende Nationalpark Kellerwald-Edersee wurde 2011 teilweise zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt, was die Bedeutung dieser Region weiter unterstreicht.

So bleibt die Geschichte von der weißen Dame und die Erzählungen aus Nieder-Werbe lebendig, während der Edersee und die Edertalsperre als stummer Zeuge der wechselvollen Geschichte dieser Region fungieren. Die Geister der Vergangenheit scheinen in den Wäldern und am Wasser weiterzuleben, während die Natur ihren Lauf nimmt und die Menschen ihren Platz in dieser wundervollen Landschaft finden.