Die dunkle Seite der Erinnerungskultur in Hessen – das ist ein Thema, das uns alle angeht. In den letzten zweieinhalb Jahren hat die hessische Polizei 28 Angriffe auf Gedenkorte registriert, die an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern. Das ist nicht nur beunruhigend, sondern auch ein schmerzhaftes Zeichen dafür, dass die Vergangenheit immer noch nicht überwunden ist. Eine aktuelle Anfrage der Grünen im Landtag hat diese Zahlen ans Licht gebracht. Und der Blick auf die letzten sechs Jahre ist ebenso düster: 21 Schändungen jüdischer Friedhöfe in Hessen wurden festgestellt, die meisten davon vermutlich von rechtsextrem motivierten Tätern. Es ist, als ob die Schatten der Geschichte uns immer wieder einholen.
Die Angriffe, die seit Oktober 2023 verübt wurden, betreffen unter anderem Orte wie die Gedenkstätte für die NS-Tötungsanstalt in Hadamar, das Deportationsmahnmal in Wiesbaden sowie Gedenktafeln in Bad Hersfeld und Frankfurt. Auch das Synagogenmahnmal in Darmstadt blieb nicht verschont. Die Polizei hat zwar Ermittlungen aufgenommen – wegen der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen, Sachbeschädigung und Volksverhetzung – aber bis jetzt wurden nur zwei der Taten aufgeklärt. Das ist frustrierend, um nicht zu sagen entmutigend.
Ein Blick auf die traurige Historie
Die Schändungen jüdischer Friedhöfe sind in Deutschland ein wiederkehrendes Phänomen. Bereits seit den Anfängen der Bundesrepublik wurden solche Taten dokumentiert, häufig mit rechtsextremen Motiven. Ein Beispiel aus der Vergangenheit: Am 24. Dezember 1959 schändeten zwei Mitglieder der Deutschen Reichspartei die Kölner Synagoge. In den darauf folgenden acht Wochen wurden bundesweit 618 antisemitische Straftaten verzeichnet. Ein Muster, das sich bis heute durchzieht und die Frage aufwirft, wie viel Fortschritt wir tatsächlich gemacht haben.
Die hessische Landesregierung erkennt die gesellschaftliche Bedeutung von NS-Gedenkstätten für die Erinnerungskultur an. Sie betont, dass diese Orte wichtig sind für die Präventionsarbeit gegen Antisemitismus und Rassismus. Umso wichtiger ist es, dass die Polizei individuelle und kostenlose Beratungen zum Schutz von Mahnmalen und Gedenkstätten anbietet. Nach Übergriffen stehen sie Zeugen, Geschädigten und Angehörigen zur Seite. Dennoch bleibt der schale Nachgeschmack, dass nur zwei Fälle von Friedhofsschändungen – die im Oktober des Vorjahres in Offenbach stattfanden – aufgeklärt wurden.
Gedenken und Umgang mit der Vergangenheit
Die jüdischen Gräber sind für die Ewigkeit gedacht und werden nicht eingeebnet. Das macht sie zu besonderen Zielen antisemitischer Übergriffe. Die Schäden, die nach 1945 oft heruntergespielt wurden, sind bis heute sichtbar. So wurden beispielsweise 1990 auf dem jüdischen Friedhof in Ihringen 177 von 200 Grabsteinen zerschlagen. Und die Liste der Schändungen zieht sich durch die Jahrzehnte: Von Angriffen in Oldenburg über Vandalismus in Chemnitz bis hin zu den jüngsten Übergriffen in Köthen, wo im September 2023 über 40 Grabstätten zerstört wurden. Ein trauriger Rekord – die Zählung geht weiter.
Besonders alarmierend ist die Zunahme antisemitischer und rechtsextremer Angriffe auf Holocaust-Gedenkstätten, die bundesweit dokumentiert wird. Die Täter kommen aus verschiedenen politischen Lagern, und die Beispiele für Angriffe sind erschreckend. Hitlergrüße, Hakenkreuze in Gedenkstätten – das sind nur einige der entsetzlichen Taten. Nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 kam es zu einem Anstieg antisemitischer Anfeindungen. Fast die Hälfte der Vorfälle war antiisraelisch motiviert, während gleichzeitig die Gedenkstätten zu Orten der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte werden.
Die Verantwortlichen des Vereins RIAS und der Gedenkstätte Sachsenhausen warnen eindringlich vor dem zunehmenden Antisemitismus. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, berichtet von Vandalismus und rechtsextremen Angriffen. Es ist eine bedrückende Realität, die uns alle betrifft. Wir müssen wachsam bleiben und uns dafür einsetzen, dass solche Vorfälle nicht zur Normalität werden. Denn eines ist klar: Die Erinnerung ist der Schlüssel zur Zukunft.