Im malerischen Wehrheim, einer kleinen Gemeinde im Taunus, lebte einst die Familie Hirsch, deren Geschichte nun in einem neuen Buch lebendig wird. Jeanette Hirsch, die Mutter von fünf Kindern, erblickte in Wehrheim das Licht der Welt. Diese Kinder, die in verschiedenen Städten wie Frankfurt, Offenbach und Hanau aufwuchsen, hatten das Glück, Deutschland rechtzeitig nach dem Novemberpogrom 1938 zu verlassen. Ein Glück, das Jeanette und ihr Mann Jacob, dessen Wurzeln bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, nicht vergönnt war.
Mit 82 Jahren wurde Jeanette von den Nationalsozialisten nach Theresienstadt deportiert. Ein Ort, der für viele das Ende bedeutete. Sie starb dort im September 1942 an einer Darmerkrankung, und ihr Schicksal blieb lange im Dunkeln. Historikerin Angelika Rieber, die sich seit Jahrzehnten mit jüdischen Familiengeschichten in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet beschäftigt, hat sich nun auf die Spur dieser tragischen Geschichte begeben. Gemeinsam mit dem Geschichts- und Heimatverein Wehrheim hat sie das Buch „Vom Taunus in die Welt“ veröffentlicht.
Einblicke in die Vergangenheit
Das Buch, das am Sonntag um 17.30 Uhr im Bürgerhaus Wehrheim vorgestellt wird, enthält nicht nur die bewegende Geschichte der Familie Hirsch, sondern auch eine Einleitung, die die verschiedenen Familienstränge und Orte beleuchtet, an denen die Hirschs lebten. Kapitelweise werden die Hochzeiten der Kinder dokumentiert, und ein Stammbaum der Familie ist beim Wehrheimer Geschichtsverein einsehbar. Diese strukturierte Herangehensweise gibt dem Leser einen tiefen Einblick in die Vernetzung der Regionen und zeigt, wie die Hirsch-Kinder Partner aus unterschiedlichen Städten heirateten.
Interessant ist auch der Aspekt, dass die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde in Wehrheim von 40 vor 1900 auf nur noch 15 im Jahr 1933 sank. Dies war eine Zeit, in der der Bürgermeister Heinrich Wilhelm, der 1933 von der NSDAP eingesetzt wurde, die letzten drei jüdischen Familien in Wehrheim vor dem bevorstehenden Novemberpogrom warnte. Jeanette selbst verließ Wehrheim bereits in den frühen 1930er Jahren und fand zunächst Zuflucht bei ihren Kindern in Hanau und Frankfurt. Später lebte sie im Jüdischen Altersheim, bevor das Unvermeidliche im Sommer 1942 geschah.
Das Gedenken an Jeanette Hirsch
Die Datenbank zum Holocaust, in der auch Jeanette Hirsch verzeichnet ist, bietet einen wichtigen Beitrag zum Gedenken an die Opfer. Sie enthält Schicksale von Jüdinnen und Juden, die in Ghettos wie Theresienstadt litten, sowie Informationen über Männer, Frauen und Kinder, die in anderen Lagern umkamen. Diese Informationen sind nicht nur historische Daten, sondern auch Erinnerungen, die den Respekt gegenüber den Nachkommen der Opfer wahren. Es ist eine Erinnerung daran, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht, ein Leben, das geprägt war von Hoffnung und Verlust.
Die Veröffentlichung des Buches und die damit verbundene öffentliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Familie Hirsch sind wichtige Schritte, um das Schweigen zu durchbrechen, das viele Nachkommen über die Schicksale ihrer Vorfahren legten. Historikerin Angelika Rieber zeigt mit ihrer Forschung, wie wichtig es ist, die Geschichten derjenigen zu erzählen, die nicht mehr sprechen können. Es ist eine Einladung an alle, die Vergangenheit nicht zu vergessen und die Lehren daraus weiterzugeben.