In Hessen, wo die Jurastudenten nach wie vor mit Stift und Papier kämpfen, gab es kürzlich einen Aufreger: 24 Klausuren des ersten juristischen Staatsexamens sind einfach mal verschwunden. Ein kleines, aber fatales Missverständnis – der Erstkorrektor hatte dem Justizprüfungsamt nicht mitgeteilt, dass er umgezogen war. So landeten die Klausuren im Hausflur seiner alten Wohnung. Man kann sich vorstellen, wie die Prüflinge sich gefühlt haben müssen, als sie von diesem Malheur erfuhren. Das Justizprüfungsamt, alles andere als unvorbereitet, bietet den betroffenen Jurastudenten zwei Optionen an: Entweder sie schreiben die Klausur nochmal oder sie akzeptieren den Durchschnitt der fünf vorhandenen Klausuren. Zwanzig von ihnen entschieden sich für die zweite Option, was die mündliche Prüfung anteilig mehr gewichten lässt.

In Hessen wird nicht nur das Jurastudium traditionell mit viel Papierkram organisiert. Auch die Lehramtsstudenten, die ihr erstes Staatsexamen ablegen müssen, dürfen sich auf handschriftliche Prüfungen einstellen. Um überhaupt eine Prüfung ablegen zu dürfen, müssen sie zudem eine Hausarbeit und ein Betriebspraktikum absolvieren. So haben im Jahr 2025 insgesamt 2780 Lehramtsstudenten das erste und 2090 das zweite Staatsexamen bestanden. Währenddessen sehen die Medizinstudenten das Ganze etwas anders. Sie müssen gleich drei Staatsexamina ablegen. Die ersten beiden Prüfungen sind papierbasiert und bestehen aus Multiple-Choice-Fragen, entwickelt von einem zentralen Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen. Die Pläne, die Medizinexamina ebenfalls elektronisch abzunehmen, sind bereits in der Pipeline, um das Anwendungswissen besser abzufragen.

Digitale Prüfungen auf dem Vormarsch

Ab Anfang 2025 dürfen Prüflinge im zweiten Jurastaatsexamen in Hessen wählen, ob sie handschriftlich oder elektronisch schreiben. Und die Mehrheit trifft die Entscheidung für das Digitale: 99 Prozent der Prüflinge zeigten sich begeistert von der elektronischen Variante. Um den Übergang zu erleichtern, wird mit einem Dienstleister zusammengearbeitet, der spezielle Laptops an den Prüfungsorten bereitstellt. So wird der Prüfungsstress vielleicht ein wenig gemildert, und das Geschreibsel auf Papier gehört bald der Vergangenheit an.

Die Digitalisierung des Prüfungswesens steht also in den Startlöchern. Die Einführung des E-Examen für das Zweite Staatsexamen in Hessen hat bereits zu einer positiven Bilanz geführt. Justizminister Christian Heinz berichtete von sechs Durchläufen mit jeweils rund 200 Kandidatinnen und Kandidaten. Über 96 Prozent der Prüflinge entschieden sich für die digitale Klausur – die Rückkehr zur Handschriftlichkeit ist da eher die Ausnahme. So können sich die Prüflinge auf einem Übungsportal mit der neuen Prüfungsumgebung vertraut machen, was sicherlich vielen den Stress nimmt. Die Informationen zu Prüfungsabläufen und technischen Details sind zudem leicht zugänglich, was den Zugang zu den neuen Formaten wesentlich erleichtert.

Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist Hessen allerdings nicht ganz vorne mit dabei. Während beispielsweise in Sachsen-Anhalt bereits 2022 und 2023 alle Prüfungsteilnehmer digital schrieben, haben Bayern und Baden-Württemberg die Einführung der digitalen Pflichtfachprüfung bis Herbst 2026 angekündigt. In Mecklenburg-Vorpommern sollen die E-Prüfungen sogar erst ab April 2027 eingeführt werden. Hier gibt es also noch Aufholbedarf, auch wenn die Richtung schon klar ist. Der Schritt zur Digitalisierung wird nicht nur die Prüfungen selbst betreffen, sondern auch die Korrekturprozesse vereinfachen. Hessen testet derzeit die elektronische Korrektur – ein weiterer Schritt in Richtung vollständige Digitalisierung des gesamten Prüfungsprozesses.

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