Kassels kulturelles Erbe auf der Kippe: Ein Weckruf für die Theaterlandschaft
In Kassel tut sich was – oder besser gesagt: Es hätte sich was tun sollen. Die Initiative um den Schauspieler Enrique Keil hat den Traum eines Neustarts für die Komödie Kassel auf Eis gelegt. Die Sanierungskosten von über 300.000 Euro sind einfach nicht tragbar, selbst mit der Unterstützung von Stadt und Land, die sich auf 90.000 Euro beläuft. Das Team um Keil hat in einem Schreiben an den Kulturminister und den Oberbürgermeister klargemacht, dass sie sich zurückziehen müssen. Schade eigentlich, denn die Pläne waren vielversprechend. Ein Konzept, das selbst entwickelte und regional angebundene Stoffe umfasste, darunter das mit Spannung erwartete „Kassel – Dein Musical“ als Eröffnungspremiere.
Doch das Theater, das seit 1956 an der Friedrich-Ebert-Straße residiert, hat eine lange und leidvolle Geschichte. 2006 geriet es in Insolvenz, konnte jedoch mit Unterstützung der Stadt Kassel gerettet werden. Knut Schakinnis übernahm damals das Ruder und steigerte die Auslastung auf beeindruckende 90 Prozent. Fiona Schiranski, die 2024 die Zügel in die Hand nehmen wollte, scheiterte an Mietschulden und einem Sanierungsstau. „Wir haben getan, was in unserer Macht stand“, betont das Team. Ein Satz, der viel über die Herausforderungen aussagt, mit denen die Kulturszene in Deutschland kämpft.
Die große Sanierungswelle
Und Kassel ist nicht allein. Der hohe Sanierungs- und Modernisierungsbedarf zieht sich wie ein roter Faden durch viele Opernhäuser und Theater in Deutschland. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst plant bis 2024 Investitionen von 78 Millionen Euro für die Modernisierung der Staatstheater in Kassel, Wiesbaden und Darmstadt. Es ist eine Mammutaufgabe, die regelmäßige kleinere Maßnahmen an den Staatstheatern umfasst. Während sich das Staatstheater Wiesbaden auf eine umfangreiche Grundsanierung vorbereitet, plant das Staatstheater Kassel, die Bühnentechnik auf den neuesten Stand zu bringen und das Dach sowie die Fassade energetisch zu erneuern. Der Zeitplan? Frühestens 2025 – also noch etwas Geduld, bitte!
In Darmstadt hingegen wird das Kleine Haus komplett erneuert, und man rechnet mit Kosten von rund 58 Millionen Euro. Auch hier stehen Photovoltaik-Anlagen, Fassadensanierungen und die Verbesserung der Barrierefreiheit auf der Agenda. Ein Mammutprojekt, das zeigt, dass die Kulturlandschaft in Deutschland nicht nur vielfältig ist, sondern auch enorm viel Pflege braucht. Über 140 öffentlich getragene Theater, 200 Privattheater und unzählige Gastspielhäuser – es ist eine bunte Mischung, die sich von den zentralisierten Kulturzentren in Paris abhebt und den Reichtum der deutschen Kulturszene unter Beweis stellt.
Die Herausforderungen des Erhalts
Ein Symposium, das 2019 im Palais am Funkturm stattfand, beschäftigte sich mit den Herausforderungen des Erhalts von Kulturbauten. Unter dem Titel „Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen… Bau und Sanierung von Kulturbauten“ wurde über kreative Entwicklungsmöglichkeiten, funktionale Anforderungen und Denkmalschutz diskutiert. Über 600 Gastspielhäuser und mehr als 400 Tourneetheater – das sind Zahlen, die uns zeigen, wie vielschichtig die Theaterlandschaft ist und wie wichtig es ist, sie zu bewahren. Es ist nicht nur eine Frage der Kunst, sondern auch des kulturellen Erbes, das es zu schützen gilt. Die Beauftragte für Kultur und Medien der Bundesregierung hat hier die Förderung in den Fokus gerückt, um die Weltkulturerbelandschaft der Theater zu erhalten.
Kassel, mit seiner bewegten Theatergeschichte, steht exemplarisch für die Herausforderungen, die viele Städte in Deutschland meistern müssen. Der Rückzug der Initiative um Enrique Keil ist ein schmerzlicher, aber vielleicht auch ein Weckruf. Die Unterstützung muss nicht nur finanziell, sondern auch ideell stärker werden, um der Kultur in Deutschland den Platz zu geben, den sie verdient. Man kann nur hoffen, dass die Türen der Komödie Kassel eines Tages wieder aufgehen und das Publikum mit offenen Armen empfangen wird.
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