Am 4. Juni 2026 war es endlich so weit: Im Bürgerhaus in Wehrheim fand die lang ersehnte Buchvorstellung des Geschichtsvereins über jüdische Familien aus Wehrheim statt. Der Titel des Werkes, „Vom Taunus in die Welt“, klingt fast wie ein leiser Abschied, und genau das war es – eine Hommage an die Geschichten, die in den Schatten der Geschichte verborgen lagen. Der Abend versprach nicht nur interessante Einblicke, sondern auch eine emotionale Reise durch die Vergangenheit dieser besonderen Familien.

Besonders berührend war die Anwesenheit der Nachfahren ehemaliger jüdischer Familien, die einst in Wehrheim lebten. Man konnte förmlich die Verbindung zwischen den Generationen spüren, als sie ihre Geschichten erzählten. Die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins hatten in den letzten drei Jahren intensiv recherchiert und in akribischer Kleinarbeit Stammbäume erstellt. Michaela Reese, die sich um die genealogischen Aufzeichnungen kümmerte, hatte sogar einen Stammbaum der Familie Hirsch ausgearbeitet, der beim Geschichtsverein aufliegt.

Einblicke in die Vergangenheit

Die Buchvorstellung war nicht nur eine literarische Veranstaltung, sondern auch ein bewegendes Erinnern. Olaf Velte, der über die Verhältnisse in der NS-Zeit in Wehrheim forschte, gab einen tiefen Einblick in die dramatischen Veränderungen, die die jüdische Gemeinde in Wehrheim durchlebte. Die Gemeinschaft, die einst aus 40 Mitgliedern bestand, schrumpfte bis 1933 auf nur 15. Wie viele andere Juden verließen auch die Hirsch-Kinder Deutschland nach dem Novemberpogrom 1938, um in Großbritannien und Amerika ein neues Leben zu beginnen.

Die Autorin Susanne Kolass stellte nicht nur das Buch vor, sondern hatte auch den Kontakt zu Nachfahren hergestellt, die nun in den USA, Großbritannien und Kenia leben. Ihre Erzählungen über das Schweigen der Eltern und Großeltern zum Holocaust waren besonders eindringlich. Sie verdeutlichten die Wichtigkeit, über die Vergangenheit zu sprechen und das Vergessen zu verhindern. Der Abend wurde musikalisch von dem Duo „Jewish Suite“ begleitet, was den emotionalen Moment noch verstärkte.

Die Geschichte der Familie Hirsch

Die Familie Hirsch, auf die sich das Buch konzentriert, hat eine bewegte Geschichte. Jeanette Hirsch, die Mutter von fünf Kindern, wurde im Alter von 82 Jahren von den Nationalsozialisten nach Theresienstadt deportiert und starb dort an einer Darmerkrankung. Ihr Mann, Jacob Hirsch, war bereits 1923 verstorben. Die fünf Kinder, die in Wehrheim und Taunusdorf geboren wurden, schafften es, rechtzeitig zu fliehen. Ihre Erlebnisse und die damit verbundenen emotionalen Lasten wurden in dem Buch eindrucksvoll festgehalten.

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Die Hirsch-Kinder, die um 1910 in größere Städte wie Frankfurt und Offenbach zogen, suchten nach besseren Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten. Ihre Geschichten sind nicht nur persönliche Schicksale, sie stehen auch für den Wandel und die Vernetzung jüdischer Familien über verschiedene Regionen hinweg. Der Bürgermeister Heinrich Wilhelm, der 1933 von der NSDAP eingesetzt wurde, warnte die letzten jüdischen Familien vor dem Novemberpogrom – eine bittere Ironie angesichts des Schicksals, das viele dieser Familien erleiden mussten.

Ein Erbe, das bleibt

Die Bedeutung dieser Buchvorstellung geht weit über die einzelnen Geschichten hinaus. Sie ist Teil einer langen, oft schmerzhaften Geschichte der Juden in Deutschland, die sich über mehr als 1700 Jahre erstreckt. Juden lebten bereits in der Antike in Germania inferior, doch die Verfolgung und das Vergessen prägten die letzten Jahrhunderte. Die systematische Verfolgung der Nationalsozialisten führte dazu, dass Millionen von Juden ermordet wurden und die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nahezu vollständig ausgelöscht wurde.

Die Veranstaltung in Wehrheim erinnert uns daran, dass es wichtig ist, die Geschichten der Vorfahren zu bewahren. Das Buch „Vom Taunus in die Welt“ ist nicht nur ein Dokument der Vergangenheit, sondern auch ein Appell an die heutige Generation, das Gedächtnis wachzuhalten und die Lehren aus der Geschichte nicht zu vergessen. Es ist in der evangelischen Buchhandlung am Stadttor erhältlich – ein kleiner Schritt, um das Erbe der jüdischen Familien in Wehrheim lebendig zu halten.