In Gießen gibt es ein Stück Geschichte, das viele vielleicht schon vergessen haben – das Teufelslustgärtchen. Die Historiker Arno Baumgärtel und Gunter Klug haben sich aufgemacht, um diesem verschwundenen Stadtteil ein Denkmal zu setzen. In ihrer neuen Broschüre mit dem Titel „Teufels(ver)lustgärtchen“ dokumentieren sie die bewegte Geschichte dieses Viertels, das einst zwischen Seltersweg, Bahnhofsstraße, Löwengasse und Kaplansgasse lag. Für 7,90 Euro ist die Broschüre in der Tourist-Information Gießen erhältlich und bietet eine spannende Rückschau auf die soziale Verdrängung und Gentrifizierung, die dieses Gebiet bereits in der Zeit des Nationalsozialismus erlebte.

Das Teufelslustgärtchen, erstmals 1723 als „Deibels Lustgärtgen“ erwähnt, war bis zu seinem Abriss ein Ort, der vor allem von kleinen Handwerkern, Bediensteten und Rentnern geprägt war. In einfachen Fachwerkhäusern lebten hier Menschen aus den „unteren Klassen“, wie Tagelöhner, Waschfrauen und einfache Handwerker. Leider war das Viertel nicht fotogen und wurde selten in historischen Fotografien festgehalten. Die einzige bleibende Erinnerung an das einst blühende Leben ist der Straßenname, während heute nur noch ein kleiner Teil als Sackgasse neben einer Tchibo-Filiale erhalten ist.

Der Verlust der Gießener Identität

Die Recherche von Baumgärtel und Klug zeigt, dass die soziale Zusammensetzung des Teufelslustgärtchens stark von der Gentrifizierung betroffen war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Abrisspläne, die bereits vor dem Krieg existierten, nicht sofort umgesetzt, da Wohnraum für Geflüchtete benötigt wurde. Doch schon bald folgten die Abrisse, und am 18. Dezember 1964 wurde berichtet, dass das Teufelslustgärtchen nicht mehr existiert. Die Stadt hatte Grundstücke aufgekauft, um Platz für neue Entwicklungen zu schaffen, was nicht nur zur Zerstörung der historischen Bausubstanz führte, sondern auch zu einem Verlust von Teilen der Gießener Identität.

Das Viertel hatte einen schlechten Ruf, der sich in der Nachkriegszeit mit Berichten über Prostitution und Schlägereien noch verstärkte. Diese negative Wahrnehmung wurde von der Stadt genutzt, um das Altstadtviertel nicht wieder aufzubauen. Baumgärtel und Klug betonen, dass die wirtschaftliche Durchökonomisierung der Innenstadt zur Schaffung von Einkaufszentren führte, was das kulturelle Erbe der Stadt weiter untergrub.

Ein Blick zurück mit neuen Augen

Die Broschüre enthält nicht nur Texte, sondern auch zahlreiche Legenden, Fotos und Informationen über ehemalige Bewohner des Teufelslustgärtchens. Klug hat Adressbücher aus der Zeit zwischen 1906 und 1954 ausgewertet, um den soziokulturellen Status der Bewohner zu erforschen. Die alten Gebäude, die einst die Nachbarschaft prägten, könnten zur Stabilität der Einwohnerschaft beigetragen haben, doch mit deren Abriss verschwand auch der letzte Rest von Gemeinschaft.

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Das Teufelslustgärtchen mag zwar nicht mehr existent sein, doch durch die engagierte Arbeit von Baumgärtel und Klug lebt die Erinnerung an diese historisch bedeutsame Stätte weiter. Wer mehr über Gentrifizierung und deren Auswirkungen auf städtische Räume erfahren möchte, findet weiterführende Informationen auf sozialtheo.de.