In der stillen, ja fast meditativ anmutenden Welt von Jon Fosses Werk „Morgen und Abend“ entfaltet sich ein tiefgründiges Panorama des Lebens, das sowohl den Beginn als auch das Ende in den Blick nimmt. Der Roman, der 2001 auf Deutsch erschien, ist in zwei Abschnitte gegliedert, die durch römische Ziffern gekennzeichnet sind und in ihrer schlichten Eleganz selbst die tiefsten menschlichen Erfahrungen transportieren. Fosse erzählt vom Fischer Johannes, dessen Lebensweg an der Westküste Norwegens auf eindringliche Weise nachgezeichnet wird.

Das Buch ist nicht nur eine Erzählung, sondern ein Erlebnis. Elke Heidenreich hat es treffend als eines der traurigsten, aber zugleich tröstendsten Bücher der letzten Jahre bezeichnet. Diese Dualität spiegelt sich in der ersten Hälfte wider, die die schwere Geburt des kleinen Johannes beschreibt. Die alte Hebamme Anna nimmt in diesem Moment eine zentrale Rolle ein. Sie strahlt eine gewisse Autorität aus, während Olai, der Vater, mit den Ängsten und der Zerbrechlichkeit des Lebens kämpft. Diese Dialoge sind nicht nur Worte, sie sind die Essenz von Furcht und Hoffnung, die beim Entstehen eines neuen Lebens gleichzeitig präsent sind.

Das Leben und seine Zyklen

Im zweiten Abschnitt, der sich über 91 Seiten erstreckt, begegnen wir einem alten Johannes, der mit seiner Frau Erna und sieben Kindern ein erfülltes Leben gelebt hat. Hier wird die Verbindung zur Heimatinsel im Norden Norwegens besonders spürbar. Fosse beschreibt die Landschaft archaisch und mythisch, jede Zeile ist durchzogen von der spirituellen Welterfahrung, die er in seinen Texten vermittelt. Johannes reflektiert über sein Leben, während er in seinem Sterbebett liegt. Die blauen Fingernägel und das taube Gesicht sind nicht nur Symptome des nahenden Todes, sie sind auch das Tor zu seinen Erinnerungen, zu seinem Vater Olai, zu den vielen Momenten, die sein Leben geprägt haben.

Die Erzählung thematisiert nicht nur den Übergang von Leben zu Tod, sondern auch die Auflösung von Zeit und Erinnerung. Johannes‘ Selbstgespräch bietet tiefen Einblick in seine Gedankenwelt. Es ist ein bewegendes Bild von einem Menschen, der die Ungewissheit der Existenz und die Rolle des Bösen in der Welt nicht ausblenden kann. Sein Geist wird von seinem verstorbenen Freund Peter zu seinen Lieben geführt, was die metaphysische Dimension des Romans unterstreicht. Diese Verbindung von Erinnerungen ist ein zentraler Punkt, der Fosses Werk von anderen abhebt.

Ein Werk von zeitloser Relevanz

Die Reaktionen auf „Morgen und Abend“ sind so vielfältig wie das Leben selbst, manche Leser empfinden die Kürze des Romans als herausfordernd, während andere die komprimierte Form der großen Themen als genial erachten. Fosses Stil, gekennzeichnet durch rhythmische Satzbewegungen und eine hypnotische Wirkung, lädt dazu ein, sich in die Tiefe der Erzählung fallen zu lassen. Durch den Verzicht auf Satzendepunkte schafft er eine Fließbewegung, die das Gefühl von Unendlichkeit und zyklischer Natur des Lebens verstärkt.

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Die Aufführung einer Oper, die auf diesem Roman basiert und 2015 im Royal Opera House in London Premiere feierte, zeugt von der zeitlosen Relevanz und der universellen Anziehungskraft des Stoffes. Fosses Erzählweise, die das Leben einfacher Menschen mit innerer Würde und universellen Gedanken schildert, bleibt im Gedächtnis haften. Die Wahrheit über die Endlichkeit des Lebens wird nicht dogmatisch vermittelt, sondern auf eine Weise, die zum Nachdenken anregt und berührt.

Heute, am 17. Mai 2026, können wir die Erzählungen von Jon Fosse nicht nur als literarische Werke sehen, sondern als tiefgreifende Reflexionen über das Menschsein. Seine Sicht auf die norwegische Landschaft, das Leben, die Geburt und den Tod ist nicht nur eine Hommage an die Natur, sondern auch an die Existenz selbst. In einer Welt, die oft von Hektik und Oberflächlichkeit geprägt ist, bietet „Morgen und Abend“ einen Raum für Stille und innere Einkehr.