In der Frankfurter Kleinmarkthalle, wo das Leben pulsiert und sich Gerüche nach frischen Lebensmitteln mit dem Klang von fröhlichem Marktgeplätscher vermischen, gibt es eine Institution, die so alt ist wie die Halle selbst. Ilse Schreiber, 86 Jahre alt und seit 1974 eine feste Größe am Wurststand, zieht auch heute noch die Menschen magisch an. Wenn der Markt gegen 18 Uhr sich allmählich leert, bleibt ihr Stand ein Anziehungspunkt, an dem Brühwürste und Fleischwurst über den Tresen gehen – für viele ein unverzichtbarer Bestandteil des Frankfurter Lebensgefühls.

Ilse hat ihr Leben im Schatten des Zweiten Weltkriegs begonnen, geboren im Februar 1940 in Oberschlesien. Die Flucht mit ihrer Mutter und Schwester in den Westen hat sie geprägt, ebenso wie die Jahre des Wiederaufbaus und das Wirtschaftswunder, das der Familie eine neue Zukunft bot. 1953 zog die Familie nach Aschaffenburg, wo ihr Vater sich selbständig machte. Ilse, die eine Ausbildung zur Groß- und Einzelhandelskauffrau absolvierte, hat mit 18 ihren Mann Hans, einen Metzger, geheiratet. Der Rest ist Geschichte – 1974 übernahm sie den Wurststand in der Kleinmarkthalle nach der Schließung der Metzgerei und ist seitdem nicht mehr wegzudenken.

Ein Leben voller Geschichten

Ilse Schreiber hat nicht nur Wurst verkauft, sie hat auch ein Leben voller Geschichten geführt. Ihre Beziehung zu den Kunden ist etwas ganz Besonderes; sie bietet Trost und Aufmunterung, wenn es nötig ist. „Ich kann alles beantworten“, sagt sie ohne zu zögern, wenn es um die bevorstehende Buchpremiere ihres Lebenswerks geht. Das Buch mit dem Titel „Worscht mit Weck oder Brot?“ wird am 8. Mai im Frankfurter Societäts-Verlag veröffentlicht, und die Lesung am 10. Mai um 11 Uhr in der Volksbühne im Großen Hirschgraben ist bereits ein heiß erwartetes Ereignis. Ilse ist bereit für die Herausforderungen, die die Buchpremiere mit sich bringt – sie denkt nicht ans Aufhören, denn der Wurststand ist für sie mehr als nur ein Job; es ist ihre Leidenschaft.

Es ist auch interessant zu beobachten, wie sich die Kleinmarkthalle im Laufe der Jahre entwickelt hat. Ein neuer Stand, „Inari-San“, eröffnet am 12. März 2025 und bietet Teigtäschchen und Matcha-Tee an – ein frischer Wind, der viele junge Kunden anzieht. Phi Nguyen, die Betreiberin, hat vietnamesische Wurzeln und bringt mit ihrem asiatischen Flair eine neue Dimension in die Halle. Ihre kreativen Inari-Sorten und die einladende Atmosphäre ziehen die Leute an, und selbst Ilse und ihre Mitarbeiterinnen sehen sie nicht als Konkurrenz, sondern freuen sich über die Doppelschlange, die sich vor beiden Ständen bildet.

Ein Blick in die Zukunft

Die Kleinmarkthalle selbst hat eine bewegte Geschichte, die bis zur Eröffnung 1954 zurückreicht, nachdem die ursprüngliche Markthalle 1944 zerstört wurde. Trotz Vorschlägen, sie abzureißen, stehen die Frankfurter hinter ihrem beliebten Markt. Momentan ist die Halle denkmalgeschützt und braucht dringend eine Sanierung. Doch bis dahin bleibt sie ein Ort des Austauschs, an dem Generationen zusammenkommen und Geschichten erzählt werden. Ilse Schreiber, die jeden Morgen um 5 Uhr aufsteht und ihren Kaffee auf dem Balkon genießt, repräsentiert diesen ungebrochenen Lebenswillen. Sie stellt sich den Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt, und blickt mit einem Lächeln in die Zukunft. Ihr Stand ist nicht nur ein Ort, um sich mit Wurst zu versorgen, sondern auch ein Stück Frankfurter Heimat – und das wird sich nicht so schnell ändern.