75 Jahre Leppermühle: Ein Fest der Hoffnung und Veränderung in der Jugendhilfe
Am 15. Juni 2026 wurde in Buseck ein ganz besonderes Fest gefeiert: Der Verein der Jugendhilfen Leppermühle konnte stolz auf 75 Jahre bewegte Geschichte zurückblicken. Rund 200 Gäste fanden sich in der Aula der Martin-Luther-Schule ein, um diesem bedeutenden Anlass gebührend zu feiern. Berthold Martin, der Vorstandsvorsitzende und ein Gesicht der ersten Stunde, leitete den Festakt und erinnerte an die fortschrittliche Arbeit des Vereins, die nicht nur in Gießen begann, sondern über die Jahre hinaus gewachsen ist.
Der Verein wurde 1951 unter der Führung von Dr. Berthold Martin in Gießen gegründet. Nur zwei Jahre später wurde das erste Wohnheim in der Diezstraße eröffnet. Spätestens ab 1954, als der Bauernhof Leppermühle gepachtet wurde, nahm die Geschichte des Vereins eine neue Wendung. Die Arbeit in Buseck und Gießen entwickelte sich rasant, und heute arbeiten über 550 Mitarbeiter, die sich um etwa 500 Kinder und Jugendliche kümmern – davon sind 285 in stationärer Betreuung.
Ein Blick in die Vergangenheit
Dr. Holger Köhl vom Büro für Erinnerungskultur gab in seiner Ansprache einen tiefen Einblick in die 75-jährige Geschichte der Leppermühle. Er sprach über die wichtigen Schritte zur Aufarbeitung von Missbrauch und Prügelstrafen, die nicht nur in der Geschichte des Vereins, sondern auch in der gesamten Jugendhilfe von großer Bedeutung sind. Interviews mit 30 ehemaligen Bewohnern und Angestellten wurden durchgeführt, um diese oft schmerzhaften Geschichten zu dokumentieren. Diese Erzählungen flossen nicht nur in eine Festschrift ein, sondern auch in die begleitende Ausstellung, die die dunklen Kapitel aufarbeitete und gleichzeitig einen Blick auf die Fortschritte gewährte, die seither gemacht wurden.
Die Entwicklung des Vereins ist bemerkenswert. Ursprünglich lag der Fokus auf der Pflege von Säuglingen und Kleinkindern, in den 1980er-Jahren wurde das Augenmerk auf Jugendliche mit psychischen Problemen gelegt. Eine Schule wurde bereits 1954 in Gießen eingerichtet, und von 1971 bis 1977 entstand an der Leppermühle eine Schule mit Sporthalle und Schwimmbad, die seit 1979 den Namen Martin-Luther-Schule trägt. Diese Institution ist heute weit über die Grenzen von Buseck hinaus bekannt.
Ein lebendiger Ort für junge Menschen
Aktuell bietet die Leppermühle Außenstellen von Butzbach bis Fulda an und legt großen Wert auf praxisnahe Arbeitstrainings in Holzwerkstatt, Metallwerkstatt und Gärtnerei. Die christlichen Werte, auf denen der Verein basiert, sind in der Kapelle auf dem Areal symbolisiert – ein Ort der Besinnung und des Friedens. Bei der Feier lobten auch Landrätin Anita Schneider und Gießens Stadtrat Francesco Arman die große Bedeutung des Vereins für junge Menschen, die in psychischen Belastungssituationen Unterstützung benötigen.
Doch was bedeutet das alles im Kontext der aktuellen Herausforderungen in der Jugendhilfe? Jährlich werden in Deutschland etwa 30.000 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen. Die Statistiken des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass täglich rund 87 Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen untergebracht werden. Das ist eine beeindruckende Zahl, die allerdings auch auf den Kostendruck hinweist, der dazu führt, dass solche Unterbringungen vermieden werden sollen.
Die Rate von Kindern und Jugendlichen mit komplexen Störungsbildern in der stationären Kinder- und Jugendarbeit ist steigend. Schockierend ist, dass mindestens zwei Drittel dieser Kinder Auffälligkeiten zeigen und viele von ihnen traumatische Erfahrungen gemacht haben, häufig in der häuslichen Umgebung. Hier setzt auch die Leppermühle an, indem sie nicht nur betreut, sondern auch aktiv an der Aufarbeitung dieser Erlebnisse mitwirkt.
Mit den 75 Jahren, die der Verein nun hinter sich hat, wird deutlich, dass die Leppermühle nicht nur ein Ort der Hilfe ist, sondern auch ein lebendiges Beispiel für Fortschritt und Wandel in der Jugendhilfe. Die Ausstellung und die Feierlichkeiten zeigen, wie wichtig es ist, aus der Vergangenheit zu lernen, um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können.
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