Stolzer Alleinerzieher: Ein Altstorch meistert die Herausforderung in Sonnendorf
In Sonnendorf, einem kleinen Ort in der Nähe von Erding, gibt es gerade ein ganz besonderes Schauspiel zu beobachten. Der Altstorch, der als Familienoberhaupt fungiert, hat die Herausforderung angenommen, seine beiden Küken allein großzuziehen. Der andere Altstorch ist verschwunden, aber das hält ihn nicht davon ab, seine Aufgabe mit Bravour zu meistern. Täglich benötigt jedes Küken etwa ein Kilo Futter. Das ist nicht wenig! Und in Zeiten der Trockenheit, wo die Futtersuche besonders schwer ist, wird das ganz schön knifflig. Die Eltern haben sogar an zwei Tagen das schwächste Küken aus dem Nest geworfen, um die Überlebenschancen der beiden anderen zu erhöhen – eine harte Entscheidung, aber manchmal muss man brutal sein, um zu überleben.
Die Küken sind tagsüber oft alleine, was sie dazu bringt, schneller zu lernen und sich durchzusetzen. Wenn andere Störche in der Nähe auftauchen, verteidigen sie lautstark ihr Nest, als wären sie schon die Großen. Wenn die Temperaturen steigen, suchen sie Schatten und ducken sich unter den Flügeln ihrer Geschwister. Ihr Daunen- und Federkleid ist bestens ausgebildet und schützt sie vor Kälte und Regen. Bald werden sie ihre Flügel trainieren, müssen aber noch Kraft und Geschicklichkeit entwickeln. In etwa sechs Wochen werden sie in der Lage sein, selbstständig Futter zu suchen und sich mit anderen Jungstörchen auf den Weg zu machen. Der Altstorch wird nach diesem Brutjahr eine lange Ruhephase brauchen und im nächsten Frühjahr einen neuen Partner suchen.
Beringung der Jungstörche
In Urweiler wurde diese Woche ein Jungstorch beringt – ein entscheidender Moment im Leben eines Storchs! Dr. Norbert Fritsch vom Neunkircher Zoo hat die Beringung durchgeführt. Die kleinen Racker erhalten einen Ring am Bein, der eine individuelle Nummer trägt. Das passiert kurz bevor sie flügge werden. Dabei wird der natürliche Todesreflex der Jungstörche, die sogenannte Akinese, ausgenutzt. Es ist für die Vögel eine stressfreie Prozedur, da die Altstörche währenddessen vom Horst wegfliegen, nur um bald wieder zurückzukehren, um sich um ihren Nachwuchs zu kümmern.
Jeder Ring hat einen Code aus Zahlen und Buchstaben, der zur Identifikation des Storches dient. Auf dem Ring des beringten Jungstorches steht die Abkürzung „DER“, was für Deutschland und die Beringungszentrale in Radolfzell steht. Dort werden die Daten gesammelt, und durch das Ablesen und Wiederfinden dieser beringten Vögel können wichtige Informationen über Zugrouten, Lebenserwartung und Brutverhalten gesammelt werden. Übrigens, dem Jungstorch wurde sogar eine Feder entnommen, um das Geschlecht über DNA zu bestimmen. Diese muss frisch gezupft sein, denn ausgefallene Federn sind unbrauchbar. Der Autor dieses Berichts hatte sogar die Möglichkeit, in einen Hubsteiger zu steigen, um den Jungstorch nach der Beringung zu beobachten. Was für ein Blickwinkel!
Die Herausforderungen der Weißstörche
Doch trotz all dieser wunderbaren Dinge steht der Weißstorch vor großen Herausforderungen. Der Bruterfolg reicht in Deutschland nicht aus, um die natürlichen Verluste auszugleichen. Viele Störche, die hier brüten, ziehen aus Regionen mit höherem Bruterfolg zu uns. Lebensraumverlust durch intensive Landwirtschaft ist ein großes Problem. Früher feuchtes Grünland wird entwässert und für die Landwirtschaft genutzt, was den Störchen die Nahrungsgrundlage entzieht. Pestizide und der Verlust von Lebensräumen sind weitere Gefahren.
Besonders gefährlich sind elektrische Freileitungen – sie sind eine häufige Ursache für Storchunfälle. Fast 70 Prozent aller Storchunfälle passieren durch Stromleitungen und schlecht konstruierte Masten, und Jungstörche sind hierbei besonders gefährdet, besonders während ihrer ersten Übungsflüge. Die Gefahren setzen sich fort in den Überwinterungsgebieten, wo die Störche auf zahlreiche Bedrohungen wie Jagd und giftige Chemikalien treffen. In Afrika werden sogar verbotene Pflanzenschutzmittel eingesetzt, was zu Vergiftungen führt. Dürreperioden machen die Nahrungs- und Wasserverfügbarkeit in diesen Regionen unsicher. Das alles hat folgen: Verspäteter Rückzug in Brutgebiete und verminderter Bruterfolg.
