Inmitten der malerischen Kulisse von Dachau, am Oberanger, steht ein Trachtenladen, der nicht nur für seine hochwertigen Dirndl bekannt ist, sondern auch für die bemerkenswerte Geschichte seiner Inhaberin. Melanie Ullmann hat diesen Laden, der 1972 von ihren Eltern gegründet wurde, seit 2010 fest im Griff. Doch die letzten Jahre waren für sie eine Achterbahnfahrt. Im August 2024 erkrankte sie an COVID-19, was zu einer chronischen Krankheit namens Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) führte. Diese Krankheit hat ihren Alltag entscheidend verändert, sodass der Laden nur dreimal die Woche geöffnet ist.
Wie es so oft im Leben spielt, bringt eine Veränderung oft auch unerwartete Herausforderungen mit sich. Melanie kämpft nicht nur gegen die Müdigkeit und die Einschränkungen, die ME/CFS mit sich bringt, sondern auch gegen die Folgen einer Herzmuskelentzündung, die sich nach ihrer COVID-Infektion entwickelt hat. Ihr Trachtenladen, ein Ort voller Tradition und Handwerkskunst, wird bis zum 20. Juni für einen Ausverkauf geöffnet sein. Abschied nehmen fällt schwer, aber Melanie hat sich entschieden, den Laden und die dazugehörige Schneiderei im Dezember 2025 zu schließen. Ein Kapitel geht zu Ende.
Tradition trifft auf Veränderung
Die Schneiderei, die einst 20 Mitarbeiter beschäftigte und auf 400 Quadratmetern florierte, produziert weiterhin Dirndl – und das ist heutzutage mehr als selten. Melanie hat etwa 200 verschiedene Dirndl in ihrem Sortiment, eine wahre Schatzkammer für Liebhaber der Trachtenmode. Es gibt eine treue Kundschaft aus Dachau und dem Landkreis, die die Qualität und die handwerkliche Fertigung schätzt. Wobei die Dachauer Tracht, die aufwendig in der Herstellung ist, nur auf Anfrage produziert wird. In einer Zeit, in der viele Trachtenläden schließen oder auf Massenproduktion setzen, hält Melanie an der Tradition fest, so gut es ihre Gesundheit zulässt.
Momentan arbeitet sie mit drei Mitarbeiterinnen, darunter Verwandte, und gemeinsam versuchen sie, das Beste aus der Situation zu machen. „Es ist nicht immer leicht“, sagt sie. „Aber ich möchte schöne Erinnerungen an den Laden bewahren.“ Die Mischung aus teuren und mittelpreisigen Trachten zieht unterschiedlichste Kunden an, und Melanie ist stolz darauf, dass ihr Laden ein Stück Tradition in Dachau bewahrt.
Die unsichtbare Last von ME/CFS
Der Blick auf Melanies Geschichte ist auch ein Blick auf ein viel größeres Problem, das viele Menschen betrifft. Laut einem Bericht der ME/CFS Research Foundation leben in Deutschland bis Ende 2024 mehr als 1,5 Millionen Menschen mit ME/CFS oder Long COVID. Allein 650.183 Menschen sind an ME/CFS erkrankt, oft infolge einer COVID-19-Infektion. Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm; die Gesamtkosten für Deutschland durch beide Erkrankungen belaufen sich von 2020 bis 2024 auf über 250 Milliarden Euro. Das sind Zahlen, die nicht nur erschrecken, sondern auch zum Nachdenken anregen.
Die Genesungsrate bei ME/CFS liegt bei gerade einmal 5 % pro Jahr, was bedeutet, dass viele Betroffene wie Melanie langfristig auf Unterstützung angewiesen sind. Oft wird die Krankheit als eine der größten unbeachteten Volkskrankheiten angesehen, während die Forschungsausgaben im Vergleich zu den Schäden verschwindend gering sind. Handlungsbedarf ist dringend nötig, sei es durch bessere medizinische Versorgung oder durch mehr Forschung zu Ursachen und Therapien.
Melanie Ullmann ist nicht nur eine Trachtenladen-Besitzerin; sie ist das Gesicht einer Herausforderung, die viele Menschen bislang im Verborgenen tragen. Ihre Geschichte erzählt von Verlust, Hoffnung und der Kraft, die eigene Tradition auch in schweren Zeiten zu bewahren. Und während sie den Ausverkauf vorbereitet, bleibt die Frage offen, wie viele weitere Geschichten sich hinter den Türen von Geschäften und Wohnungen verbergen – Geschichten von Menschen, die gegen unsichtbare Krankheiten kämpfen, während sie versuchen, ihren Platz in der Welt zu behaupten.