Ärztemangel im ländlichen Raum: Dachau als Spiegelbild eines bundesweiten Problems
Heute ist der 7.06.2026, und während ich hier in Dachau sitze, drängt sich mir die Frage auf: Wie steht es um die Gesundheitsversorgung in unserer Region? Ein Thema, das uns alle betrifft – und das nicht nur hier, sondern auch weit über die Grenzen von Dachau hinaus. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns hat spannende Zahlen veröffentlicht, die uns aufhorchen lassen. Denn obwohl der Landkreis Dachau rechnerisch keinen Ärztemangel aufweist, gibt es doch ein deutlich spürbares Stadt-Land-Gefälle.
Mit über 110 % liegt der Versorgungsgrad im Landkreis über dem, was man als alarmierend betrachten würde. Dennoch gibt es einen Haken: 33 % der Hausärzte sind 60 Jahre oder älter, und neue Kassensitze werden nicht genehmigt. Lediglich Übernahmen und Umzüge sind möglich. Bei 132.000 Einwohnern und 85,3 Ärztestellen, die von 95 Personen besetzt werden, ist das ein bisschen wie ein Spiel mit dem Feuer. Vor allem in den kleineren Orten wie Weichs und Hilgertshausen-Tandern, wo nur ein Kassensitz verzeichnet ist, wird die Situation kritisch.
Neue medizinische Bauprojekte
Um dem entgegenzuwirken, gibt es in der Region einige vielversprechende Bauprojekte. In Schwabhausen wird eine große Arztpraxis neu errichtet, während in Petershausen ein Bürogebäude zu einem Gesundheitshaus umgebaut wird. Dort zieht eine allgemeinärztliche Praxis ein, ergänzt durch eine Zahnarztpraxis und Physiotherapie. Marion Böhlen, eine Allgemeinmedizinerin in Petershausen, hat bereits mehrere Patienten aus geschlossenen Praxen übernommen und ein größeres Team eingestellt. Sie spricht sich für größere Räume und flexiblere Arbeitszeiten aus, um neues Personal zu gewinnen – ein Anliegen, das nicht nur sie, sondern viele Mediziner teilen.
Bürgermeister Johannes Stadler (CSU) zeigt sich optimistisch und unterstützt die Projekte, auch wenn die Gemeinde finanziell etwas angeschlagen ist. Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Hebertshausen ab, wo ein Gesundheitshaus für 5,4 Millionen Euro entsteht. Zwei Praxen sind bereits vergeben, drei werden noch gesucht. Auch Vierkirchen hat Pläne, ansiedlungswillige Mediziner mit bis zu 40.000 Euro zu unterstützen. Ein Lichtblick in einer zunehmend herausfordernden Situation.
Die Situation im bundesweiten Kontext
<pDoch die Herausforderungen sind nicht nur lokal. Deutschlandweit fehlt es an Hausärzten, und die Prognosen sind alarmierend. Der demografische Wandel, gepaart mit strukturellen Problemen im Gesundheitswesen, führt dazu, dass immer mehr Hausärzte in den Ruhestand gehen, während der Nachwuchs ausbleibt. Die Robert Bosch Stiftung hat berechnet, dass in den nächsten zehn Jahren jeder zweite Hausarzt in Rente gehen könnte – das wären rund 11.000 unbesetzte Stellen. Aktuell haben wir bereits einen Mangel von mehr als 5.000 Hausärzten; die Lage wird sich also nicht von selbst verbessern.
In den letzten Jahren ist die Zahl der hausärztlichen Einzelpraxen kontinuierlich gesunken. Von 30.000 im Jahr 2015 sind wir mittlerweile bei etwa 25.000 angekommen. Gemeinschaftspraxen sind ebenfalls rückläufig. Ein Viertel der praktizierenden Allgemeinmediziner plant, innerhalb der nächsten fünf Jahre aus dem Beruf auszusteigen. Auch in den Städten wird der Druck auf die medizinische Versorgung immer größer. Die älter werdende Bevölkerung benötigt mehr Betreuung, und das wird für die bestehenden Ärzte zur Herausforderung.
Die Bürokratie und der hohe Arbeitsdruck in den Praxen tun ihr Übriges. Zwei Drittel der Ärzte berichten von Beeinträchtigungen durch Software und Programme, während sie rund 80 % ihrer Arbeitszeit mit Sprechstunden und Hausbesuchen verbringen. Immer mehr Mediziner entscheiden sich für Teilzeitstellen oder Anstellungen in Kliniken. Und das alles, während die Versorgung dünner wird, insbesondere auf dem Land. Viele Praxen nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Ein Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist.
Die Zukunft der Gesundheitsversorgung
Die Politik hat bereits reagiert und setzt auf ein Primärarztsystem, um den Zugang zu Fachärzten zu regeln. Doch die Idee ist umstritten, und es gibt Ausnahmen für bestimmte Fachrichtungen. Man spricht von finanziellen Anreizen für neue Praxisöffnungen, doch es mangelt an Ärzten, die diesen Schritt gehen wollen. Der digitale Fortschritt könnte Entlastung bringen, doch auch hier läuft alles eher schleppend. Das Modell der Teampraxen, bei dem medizinische Fachangestellte Routineaufgaben übernehmen, könnte eine Lösung sein, die laut über 70 % der Hausärzte großes Potenzial zur Entlastung birgt.
Wie geht es also weiter? Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat angekündigt, die Rolle nichtärztlicher Gesundheitsberufe zu stärken. Mehr Medizinstudienplätze und vereinfachte Zulassungsverfahren stehen in Planung, aber wann das konkret umgesetzt wird, bleibt ungewiss. Eines ist klar: Langfristig müssen die Arbeitsbedingungen verbessert und die Bürokratie abgebaut werden, um die hausärztliche Versorgung in Deutschland zu sichern. Das betrifft nicht nur die großen Städte, sondern auch den ländlichen Raum, wo der Bedarf an medizinischer Grundversorgung unabdingbar ist.
In Dachau ist die Situation also ein Spiegelbild eines viel größeren Problems, das uns alle betrifft. Die Frage bleibt, wie wir diesen Herausforderungen begegnen können, um auch in Zukunft eine adäquate medizinische Versorgung für alle Bürger zu gewährleisten.
